Urban Legends für den Düsseldorfer Literaturautomaten

Vom 15. Juli bis 16. September 2010 konnten neben den Texten anderer Autor_innen meine fünf Kürzestgeschichten zum Thema „Urban Legends“ im Düsseldorfer Literaturautomat gezogen werden.

Mehr Informationen zu dem Projekt, den Befüllungen und den Autor_innen unter
http://www.literaturautomat.eu/

Wie erwartet beachtete ihn im Supermarkt kein Mensch. Joe zog die dicken Lederhandschuhe an und untersuchte die Töpfe mit den Palmen, die vor den Regalen aufgereiht waren. In der fünften Pflanze bewegte sich etwas, nachdem Joe vorsichtig am Stamm gerüttelt hatte. Ein diabolisches Grinsen zog über sein Gesicht, als er die Beine einer Einsiedlerspinne sah. Endlich rückte sein Ziel in erreichbare Nähe. Seine steinreiche Mutter liebte Yucca-Palmen.

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Skandalreporter Ben witterte bei dem Anruf sofort die ganz große Geschichte. Er steuerte seinen Wagen entsprechend der Weisung des Anrufers durch einen Feldweg, der in eine dunkle Lichtung mündete, und verriegelte wie verlangt die Türen. Im Zwielicht sah er die Silhouette eines Mannes. Gebannt hing sein Blick an dem Kopf, den jener an den Haaren hinter sich herschleifte. Die Axt, die das Fenster auf der Fahrerseite einschlug, bemerkte er zu spät.

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Der Einstieg war einfach. Lotta bereute nicht, dass sie statt Hundetrainerin nun Einbrecherin war. Sie bewegte sich lautlos durch den Raum auf die Schränke zu gegenüber der Tür zu. Wütendes Knurren ließ sie innehalten. Hinter dem Sessel erhob sich eine Dogge. Lotta ging in die Hocke und hielt ihr die Hand zum Schnuppern hin: „Komm, mein Kleiner. Freund!“ Die Dogge sprang vor und Lotta flüchtete ohne die oberen Fingerglieder ihrer rechten Hand.

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Der Wagen stand einladend fahrbereit vor der Garage. Weit und breit war niemand zu sehen und die Frau war aus der Villa noch nicht wieder herausgekommen. Was machte es schon, wenn er sich den Wagen auslieh? Die Polizei würde ihn schon zurückbringen. Noch einmal sah Kevin sich um und schwang sich dann schnell hinter das Steuer. Motor an, Gas und los. Bergab ging es zu schnell. Kevin trat auf die Bremse, deren Flüssigkeit eine Spur zurück zur Garage bildete.

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Geduldig beobachtete sie, wie ihr Mann seine Sicherheitsvorkehrungen traf. Nie arbeitete er auf dem Dach, ohne sich anzuseilen. Wie immer verknotete er das andere Ende des Seils an ihrem Geländewagens. Sie lächelte und winkte ihm liebevoll zu. Er kletterte aufs Dach hinauf und verschwand hinter dem Schornstein. Ruhig stieg sie auf den Fahrersitz. Von hier konnte sie das Seil nicht sehen. Gelassen ließ sie den Motor an und fuhr den Wagen vom Grundstück.