House of Detention – Horror

Bill Garner hatte seinen Posten erst seit zwei Tagen. Er konnte eigentlich froh sein, dass er nach seiner Entlassung überhaupt so schnell einen Job gefunden hatte – trotzdem war es ein Witz, dass er als Nachtwächter in einem Museum arbeitete, das früher mal ein Knast gewesen war. Er grinste und nahm seine Jacke vom Haken. Zeit für einen Rundgang.

Bill genoss seine Freiheit. Wenn im Prozess herausgekommen wäre, was er wirklich alles auf dem Kerbholz hatte, dann hätten sie ihn nie wieder auf die Menschheit losgelassen. Aber sie konnten ihm nur die Hehlerei anhängen und die war schnell abgesessen. Die Leichen hatte sein Auftraggeber beseitigt, und Bill war völlig egal, was er damit angestellt hatte. Er hatte seinen Auftrag erledigt und jetzt würde er seine Belohnung bekommen. In seinen Kreisen hielt man seine Versprechen.

Pfeifend klemmte er seine flotte Mütze mit dem Goldrand unter den linken Arm und drehte sich zur Tür um. Ein fast zwei Meter hoher Spiegel hing an der Innenseite, so dass man einfach hineinschauen musste, wenn man die Tür öffnen und hinausgehen wollte. Bill hatte also gar keine andere Wahl als sich gründlich zu betrachten während er die Hand nach der Klinke ausstreckte. Bei aller Bescheidenheit musste er doch zugeben, dass er Klasse hatte. Das schulterlange blonde Haar trug er in der Mitte gescheitelt und hinter seine wohlgeformten Ohren gestrichen. Das ovale Gesicht mit der schmalen Nase sah durch die schweren Augenlider sehr sinnlich aus. Sein ganzer Stolz aber waren die Lippen. Guter Schwung, voll und rot. Nur die von Mick Jagger waren noch schöner – aber nicht mehr lange! Fehlte nur noch das Kleingeld für die Silikonspritze.

*

Bill Garner war jetzt 24 Jahre alt. Seine Mutter war mit dem damals Fünfzehnjährigen nicht zurecht gekommen und wollte ihn in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche abschieben. Aber Bill hatte eine bessere Idee gehabt. Er war nie renitent gewesen – er wusste nur ganz genau, was er wollte. Damals eben den Tod seiner Mutter. Danach zog er zu seiner Tante Lou und ihrem Mann George. Die beiden hatten genug mit ihren eigenen Problemen zu tun und ließen ihn in Ruhe. Ab und zu erinnerten sie sich an ihren Erziehungsauftrag und hielten ihm eine halbherzige Predigt. Aber Bill brauchte sie nur mal scharf anzusprechen und schon kümmerten sie sich wieder um ihren Kram.

Seit bei Bill das bewusste Denken eingesetzt hatte, wollte er die Nummer Eins werden. Er hing in den einschlägigen Kneipen herum und knüpfte Kontakte zu den Laufburschen der großen Banden. Während dieser Zeit lebte er von einfachen Taschendiebstählen oder einem Bruch, bei dem er auf Nummer Sicher gehen konnte. Im Laufe der Jahre festigte sich sein Ruf und er bekam öfters einen Auftrag. Während der letzten zwei Jahre hatte er für eine Bande gearbeitet, die auf Wohnungseinbrüche spezialisiert war – am liebsten im Nobelstadtteil Knightsbridge. Es waren Aufträge nach Bills Geschmack: die Hausbewohner waren verreist und hatten ihre Wertsachen eher nachlässig gesichert. Die Beute wurde in einem Haus in St. John’s Wood abgeliefert, wo sie von einem Kontaktmann übernommen wurde. Bill und seine Kumpane bekamen ihren Anteil und zogen wieder ab. Den Boss kannte keiner.

Doch der letzte Auftrag war anders gewesen.

Auf einem schmierigen Zettel stand die Aufforderung, sich um Mitternacht in Hampstead Heath mit seinem Auftraggeber zu treffen. Als er dort ankam, sah er unter einer gespenstischen knorrigen Eiche eine düstere Gestalt, die in einen viel zu großen Kapuzenmantel gehüllt war. Sie winkte ihm und er näherte sich vorsichtig. Kurz bevor Bill den Baum erreichte, gebot ihm das Wesen mit erhobener Hand Einhalt. Bill Garner stand wie festgefroren. Von der Gestalt unter dem Baum ging etwas Unheimliches aus, und Bill fror nicht nur äußerlich wegen der Nachtkälte.

„Gut, du hast gehorcht und bist gekommen.“ Zufriedenheit klang in dieser klirrenden Stimme mit, die sich zugleich so hohl anhörte, als käme sie aus den tiefsten Tiefen der Welt. „Du wirst morgen nacht in ein Haus in Kensington gehen. Dort holst du mir einen ganz bestimmten Gegenstand.“

Das Wesen senkte seine Stimme zu einem Zischen und Bill Garner hörte aufmerksam zu. Nicht, dass er etwa eine andere Wahl gehabt hätte! Er stand noch immer wie gebannt und seine Augen hatten einen leicht glasigen Ausdruck angenommen.

Nach einer Ewigkeit war das Gespräch vorbei. Bill Garner schloss erschöpft die Augen. Als er sie wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden. Unter dem Baum lag ein Zettel. Vorsichtig ging Bill hin und hob ihn auf. Der Grundriss des Hauses war klar und sauber beschriftet. Bill steckte das Blatt ein und sah sich noch einmal um. Niemand war mehr zu sehen und kein Geräusch zu hören, auch keine Tiere, die auf nächtlichen Beutezug gingen. Bill zuckte die Achseln, drehte sich um und ging den langen Weg zurück nach Hause.

In der nächsten Nacht machte er sich auf den Weg nach Kensington. Das Haus war einfach zu finden und Bill verlor nicht viel Zeit mit der Alarmanlage. Sie war offenbar nicht vollständig eingeschaltet. Er musste nur die Türsicherung lahmlegen und konnte das Haus dann ohne Probleme betreten.

Er schaltete seine kleine Taschenlampe ein und ließ sie über den Boden gleiten. Ein merkwürdiges Mosaik war in den weißen Boden eingelegt. Bill Garner ließ seine Lampe darüber hinweg gleiten und erkannte nach einiger Zeit, dass hier auf dem Boden ein fünfzackiger Stern eingelassen war. Er grinste. Manche Leute hatten einen komischen Geschmack. Er wandte sich nach rechts zum Arbeitszimmer und öffnete die Tür.

Als seine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, erkannte er die Umrisse eines metallenen Aktenschranks. Der war sein Ziel. Er zog die dritte Schublade von oben heraus und beugte sich in die Öffnung. Seine Hände tasteten an der Rückwand herum, bis sie einen Widerstand fanden. An diesem Haken nestelte er so lange herum, bis ein Teil der Wand sich mit einem Klicken zur Seite schob. Bill Garner griff in die Öffnung und zog ein längliches Päckchen heraus.

In dem Päckchen lag ein Dolch aus schwarzem Obsidian. Er war mit merkwürdigen Symbolen und Zeichen verziert und lag schwer in Bills Hand. Ein böses Grinsen stahl sich in sein Gesicht. Er hatte nach dem Tod seiner Mutter nie wieder getötet, aber das Verlangen danach war immer in ihm gewesen. Und nun hatte ihm diese düstere Gestalt die Gelegenheit zu einem Mord gegeben, der ihm nicht nachgewiesen werden würde. Seine linke Hand glitt prüfend über die Klinge. Die Leute in diesem Haus waren die Feinde seines Herrn. Also hatten sie kein Recht, weiter zu leben.

Bill verließ das Arbeitszimmer und pirschte die Treppe hoch. Von dem Flur im oberen Stockwerk gingen vier Türen ab. Zielstrebig öffnete er die zweite Tür und betrat das Schlafzimmer. Hier waren die Vorhänge nicht geschlossen und das Licht des Vollmonds erhellte den Raum. Die beiden Menschen lagen in dem großen Bett unter dem Fenster. Bill Garner stellte sich an das Fußende. Während er das Messer in einem sich wiederholenden Muster über dem Bett schwang, murmelte er die Worte, die er am Abend zuvor gelernt hatte. Zuerst wachte der Mann auf. Er öffnete die Augen und starrte Bill schreckerfüllt an. Kein Muskel regte sich. Dann erwachte die Frau. Auch sie blieb hilflos liegen und musste ihrem Schicksal in die Augen sehen. Bill neigte die Spitze des Messers auf ihre Stirn. Bei der Berührung platzte ihre Haut auf und Rauch stieg auf. Bill zog das Messer ganz leicht genau in der Mitte ihres Körpers von der Stirn hinunter zum Schambein. Die gleiche Prozedur wiederholte er bei dem Mann. Dann schwang er noch einmal das Messer über den beiden Leichen und murmelte unverständliche Worte.

Als das Ritual beendet war, ging Bill hinüber zur anderen Seite des Raumes und öffnete den Tresor. Er nahm den wertvolleren Schmuck heraus, ließ die kleineren Stücke liegen und verließ das Haus so unbeachtet, wie er gekommen war. Das Messer legte er noch in der selben Nacht unter die Eiche.

Bei dem Verkauf des Schmucks hinterließ er auftragsgemäß Spuren. Ihm war eine größere Belohnung versprochen worden als das Geld aus dem Raubzug. Die Polizei konnte er ziemlich leicht davon überzeugen, dass er nur an dem schnellen Geld interessiert gewesen war und deshalb zum ersten Mal in seinem Leben als Hehler tätig geworden war. Sie glaubten ihm – dumm genug hatte er sich bei dem Verkauf angestellt! Eine raffinierte Tat trauten sie ihm nicht zu.

*

Ein Lichtreflex im Spiegel brachte Bill in die Gegenwart zurück. Er kicherte vor sich hin und murmelte: „Schlimmer Junge! Ja, du bist ein ganz, ganz böses Kerlchen!“ er warf seinem Spiegelbild einen Kuss zu, öffnete die Tür und trat hinaus in den Gang, über den man die Zellen erreichte. Mitten in diesem Gang war in einer Ausbuchtung die Gefängnisbäckerei nachgebaut worden. Wie in anderen Teilen des Museums wurde auch hier das leben im alten Knast mit Puppen nachgestellt. Bill blieb stehen und betrachtete die Szene. Die Flammen in dem alten Ofen flackerten und der Tanz der Schatten ließ die Figuren unheimlich lebendig erscheinen.

Bill stutzte. Das Feuer in dem Ofen war aus Pappmaché!

Eine einzelne Figur stand links im Gang. Bill war bereits an ihr vorbeigegangen, als er plötzlich eine Bewegung fühlte. Er schnellte herum und sah direkt in die toten Augen der Kunstfigur. Sie hatte sich hinter ihn gestellt und gab ihm nun einen Stoß vor die Brust. Bill torkelte in die Ausbuchtung hinein und prallte gegen den Mann, der mit dem Schieber einen Laib Brot aus den Flammen holte. Der Schieber knallte auf den Boden und das Wesen schlang seine Arme um Bill. Es stemmte den vor Schreck wehrlosen Mann mühelos hoch und drehte ihn zum Ofen herum. Die anderen Puppen waren inzwischen hinter ihn getreten. Sie summten monoton und die Flammen schlugen in die Höhe. Genau in der Mitte wurde eine Fratze sichtbar, wie sie Bill in seinen schlimmsten Alpträumen noch nicht gesehen hatte!

Bill Garner bekam seine Belohnung.

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House of Detention
in: Geisterjäger John Sinclair, Bastei, ISSN 4394014 302608
Band 710, 2. Auflage, Seiten 34/35
© 2001