Herr Schuschiduz spielt Ball – Phantastik/Kinder

Erstveröffentlichung: Familie&Co., Axel Springer Verlag, ISSN 439411 6704003, Ausgabe 7/99, Seiten 152/153

 

“Hach, ist das langweilig!” krächzt eine dünne Stimme. Sie kommt aus dem Regal mit den Spielsachen. Lisa starrt hinüber und wagt nicht zu atmen. Es ist doch noch heller Tag – oder träumt sie etwa? Sie kneift sich ins Bein: Aua! Nein, sie ist hellwach.
“Du da!” Lisa sieht erschrocken hoch. “Ja, du, du Göre da an der Tür. Komm her und hilf mir mal!” Hin- und hergerissen zwischen Angst und Neugier rührt Lisa sich nicht von der Stelle. “Dumme Gans!” schimpft es jetzt aus dem Regal. “Muß man denn immer alles allein machen?”
Aus dem Bilderbuch, das Lisa aufgeschlagen im Regal liegen gelassen hat, reckt sich ein Arm und wedelt kurz in der Luft. Der zweite Arm folgt, ein runzliger Kopf hebt sich, und – hast du’s nicht gesehen? – nun steht der Zwergenwicht von Seite fünf auf dem Buch und stampft mit seinen dürren Beinchen auf der Seite herum. „Eingeschlafen – Mist! War aber auch nicht anders zu erwarten, wenn du mich so lange liegenläßt.”
„A-aber Herr M-Meier”, stottert Lisa. So hat sie ihn von Anfang an genannt, weil der Wicht aussieht wie ihr ständig muffeliger Nachbar, der sich immer beschwert, daß Lisa zu laut sei.
„Meier, Meier”, krakeelt der Kleine. „Was gebt ihr eurem Spielzeug nur für Namen! Typisch Mensch – weiß einfach gar nichts. Spielzeugnamen enden auf -uz. Wir sind ja schließlich nicht euresgleichen. Das da drüben zum Beispiel sind Veracruz und Omnibuz und Pferdefuz und Santacruz, um nur mal ein paar zu nennen.”
„Oh”, sagt Lisa, „danke, ich werde es mir merken.” Sie ist jetzt doch ein bißchen eingeschüchtert. Aber weil sie auch schon ziemlich viel weiß, nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und fragt: „Heißt es nicht Omnibus und Pferdefuß? Das sind doch keine Namen. Das eine ist ein großes Auto, und auf dem anderen läuft ein Pferd.”
„Widersprich mir nicht, ich weiß das besser als du. Schließlich bin ich älter.” Der Wicht macht vor Wut einen Hopser, bei dem er fast aus dem Regal fällt. „Wenn ihr unsere Namen für eure Sachen klaut, ist das nicht mein Problem. Ihr müßt euch eben selbst was ausdenken.”
„Und wie heißt du?” fragt Lisa.
Der Wicht schaut sie böse an. „Ich bin nicht ein Du. Ich bin ein Sie.”
„Entschuldigung”, flüstert Lisa. „Also, äh, wie heißen Sie?”
„Ich bin Herr Schuschiduz aus Bilderbuch. Und stell nicht wieder dumme Fragen.”
Der Zwerg stemmt seine Fäustchen in die Hüften und sieht sich kopfschüttelnd um. „So, jetzt bringen wir mal Leben in diese öde Bude.”
Herr Schuschiduz ruckelt das Bilderbuch ein wenig hierhin und ein wenig dorthin, und schon liegt der bunte Ball von Seite vier neben ihm. Er ist genauso groß wie Herr Schuschiduz selbst, denn in dem Buch sind alle Gegenstände in der gleichen Größe abgebildet, damit sie die Seite ausfüllen. Das stört Herrn Schuschiduz aber überhaupt nicht. Er kickt den Ball ans Ende des Regals und fegt dabei ein paar Spielsachen herunter. „Yippieh! Alle sieben, alle sieben!” jauchzt Herr Schuschiduz, denn er versteht auch etwas vom Kegeln. Dabei hopst er wieder. Dieses Mal aber vor Begeisterung. Und einen Purzelbaum schlägt er auch noch.
„He, ich habe gerade erst aufgeräumt”, empört sich Lisa und läuft zum Regal.
„Darum ist es hier auch so doof langweilig!” kreischt der Wichtel und tanzt wie Rumpelstilzchen auf dem Brett herum. Lisa beugt sich auf den Boden und sammelt ihr Spielzeug wieder zusammen.
Jetzt flitzt Herr Schuschiduz auf seinen dünnen Beinen dem Ball hinterher. Er schnappt ihn und saust an Lisas gebeugtem Rücken hinunter auf den Boden. Von hier aus kickt er den Ball wild in die Gegend. Peng – das Dach des Puppenhauses hat eine Delle. Klatsch – ein großer Fleck an der Wand. Rums – hat Lisa den Ball im Gesicht. „He, das tut weh!” Klirr – fällt die schöne Vase von Oma von der Kommode, platsch – schwappt auch das Wasser heraus.
„Hör auf!” brüllt Lisa und versucht den Ball aufzufangen. Aber Herr Schuschiduz ist jedesmal schneller als sie und tritt den Ball immer wieder woanders hin. „Ich bin kein Du, ich bin ein Sie”, sing das Männchen und grinst hämisch.
Das ist zuviel für Lisa. Sie setzt sich mitten in dem Chaos auf den Boden und fängt an zu weinen.
Da klingelt es an der Tür. Herr Meier steht davor und meckert wegen des Lärms. Lisa hört, wie ihre Mutter sich bei ihm entschuldigt und verspricht, sofort für Ruhe zu sorgen. „Paß auf. Gleich kommt meine Mama, dann kriegst du ordentlich geschimpft”, triumphiert sie und wischt sich die Tränen ab.
„Hääää!” brüllt der Gnom. „Schuschiduz verschwindibuz!” Schwupp – liegt er wieder als Bild in dem Buch und hinterläßt in dem verwüsteten Kinderzimmer ein eingedelltes Puppenhaus, mehrere dicke Flecken an der Wand, eine riesengroße Wasserpfütze, viele verschmierte Malfarben und eine tränenüberströmte Lisa.
“Was ist denn hier los?” Mama ist entsetzt. Lisa läuft zu ihr und schlingt weinend die Arme um sie. „Da war der Schuschiduz und hat mit dem Ball gespielt.”
Schluchzend erzählt Lisa, was passiert ist. Mama streicht ihr übers Haar und seufzt: „Ach, Kleines.” Aber bevor sie mehr sagen kann, entdeckt sie den Ball, den Herr Schuschiduz nicht wieder weggezaubert hat. Im Bilderbuch sieht sie die leere Seite vier, auf die eigentlich der Ball gehört und Herr Schuschiduz streckt ihr auf Seite fünf kurz, aber unmißverständlich die Zunge heraus. Auch ein leises Kichern ist zu hören, und als Mama vorsichtig das Bild berührt, wackelt das Männchen mit den Ohren. Da klappt sie das Buch ganz schnell zu und bringt es hinunter in die Mülltonne. Vorher hat sie sich aber noch bei Lisa entschuldigt, weil sie ihr zuerst nicht glauben wollte.
Später räumt Lisa auf und Mama hilft ihr. Die beiden packen immer ein Teil weg, dann knuddeln und schmusen sie erst mal ordentlich, und dann wird das nächste Stück weggeräumt. Den Ball darf Lisa behalten, denn der kann nichts dafür, daß Herr Schuschiduz mit ihm Unfug getrieben hat.
Das Buch aber findet der kleine Benni, als er für seine Eltern später den Müll wegbringt. Natürlich nimmt er es mit nach Hause, denn so tolle Sachen werfen die Leute sonst ja nicht weg. Er ist ganz begeistert von den schönen Bildern. Doch was Benni dann mit Herrn Schuschiduz erlebt – ja, das ist eine andere Geschichte.