Die letzte Prinzessin und der Zwirrrrrrl – Fantasymärchen

„Die letzte Prinzessin und der Zwirrrrrrl“:
Petra Hartmann [Hg.]
Drachenstarker Feenzauber
Paperback
Wurdack Verlag 2007, Seiten 87-90, ISBN 3-938065-28-1

vergriffen

Auf diese Geschichte habe ich Bezug genommen für den Beitrag zur Anthologie „Das ist unser Ernst“, wo der Verleger Ernst Wurdack in „Dornröschen im Trog“ sich mit Adjektiven und Maßeinheiten herumschlagen muss, um in die nächste Geschichte zu kommen.

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Seit Wochen dienten die Berge über Tuturiän als Unterschlupf für marodierende Drachen, die jedoch einer wie der andere den Schwertkampfkünsten hübscher, seidenblonder Edelmänner von nicht mehr als zweiundzwanzig Jahren erlagen. Das Raubgut (nebst geretteter Prinzessin) wurde nach dem Gesetz Tuturiäns Eigentum (und Ehefrau) des Drachentöters. Einige Damen sollten schon recht mitgenommen ausgesehen haben, sagte man, und es sei höchste Zeit gewesen, sie an einen Mann zu bringen. Beweise dafür fand man allerdings nie, da besagte Damen nebst Gatten nach der Trauung flugs in den Bergen verschwanden. Allseits unbestritten blieb die Keuschheit der Damen, denn Drachen und Einhörner irren sich nicht.

In den Tavernen munkelte man, dass der Finanzmagier etwas mit dem Auftauchen der Drachen zu tun habe. „Rechnen können wir auch“, hieß es. „Kommt er aus Aurelior zurück, haben wir Aurelioranische Prinzessinnen vor der Tür. Kommt er aus Mahran oder Raschnastan …“. Alle nickten, ließen sich die Humpen wieder füllen und den Finanzmagier einen guten Mann sein. Wirte, Herbergsväter, Händler und leichte Mädchen freuten sich, denn der Dracheneinflug lockte Reisende und Drachentöter aus der ganzen Welt. Also betete man, dass es genügend ledige Prinzessinnen gab, die das Wirtschaftswunder in Schwung hielten. Tuturiän verdiente durch die Reisefranken mehr, als seit seiner Gründung jemals an Steuern geflossen waren.

Fördergelder flossen, und sogar die königliche Landeszeitung wurde gekauft wie verrückt. Der Königliche Hof rief zu Dichterwettstreiten auf, und Bänkelsänger aller Länder und Sprachen reimten Oden auf die kühnen Recken Tuturiäns.

Allen ging es also gut.

Na ja. Fast allen.

Denn in Tuturiän gab es ein paar Herren, die nur zu gerne ihre Kampfkunst an einem Drachen erprobt hätten, doch keiner von ihnen war hübsch, seidenblond und unter dreiundzwanzig. Sie hatten sich also zur „Gilde der nicht so hübschen Drachentöter“ vereint, protestierten lautstark gegen ihre Diskriminierung und forderten eine Quotenregelung.

An jenem Tag, von dem ich euch erzählen will, sollte wieder eine Prinzessin einfliegen, und sofort versammelten sich alle Tuturiäner und ihre Gäste auf dem Marktplatz von Tuturiän. Der Lärm der Käufer und Höker steigerte sich, bis er sogar die Trägheit des Wassers überwand und der Zwirrrrrrl erwachte. Er tauchte aus dem Futtertrog vor der Taverne auf, in dem er seinen angestammten Schlafplatz hatte, und kletterte hinaus, wobei er einem neugierigen Schwein kurzerfuß gegen den Rüssel trat. Eine Handglocke übertönte die Rufe der Fischweiber, und der Zwirrrrrrl ruckte seinen flachen Kopf mit dem vorspringenden Kinn in die Richtung, aus der die Glocke erklang. Mit seinen verwachsenen Froschaugen betrachtete er blinzelnd die Menge und latschte sodann prustend und pfeifend wie ein Dampfkessel hindurch, bis er vor dem Ausrufer stand.

Hell dröhnte die magisch verstärkte Stimme des königlichen Herolds über den Markt: „Kund und zu wissen muss ich tun, dass schon wieder ein fürchterlicher Drache sich in unserem Lande versteckt. Sein Opfer ist die jungfräuliche Prinzessin von Daimant. Nach dem Gesetz des Königs muss ein edler Retter den Drachen töten und die Jungfrau heiraten.“

Ein hübscher, seidenblond gelockter Prinz von höchstens zweiundzwanzig Jahren, dem „Fortinbras III“ aufs Wams gestickt war, trat vor und sprach: „Ich will den Drachen schon töten. Aber sagt mir erst, …“

Sofort unterbrach ihn ein vielkehliger Protestschrei, und die „Gilde der nicht so hübschen Drachentöter“ entrollte ihr Banner und schob einen der ihren vor den Herold, damit er ihr Anliegen vertrat. Der nicht so hübsche Drachentöter warf sich also in die Brust und sprach: „Heute soll einer von uns diesen Drachen töten und die Prinzessin heiraten.“

Die Menge, die wie jede normale Menge aus einfachen Menschen mit durchschnittlicher Attraktivität bestand, applaudierte und zog sich dabei unauffällig unter lauten „Bravo!“-Rufen immer weiter vom Duft des Zwirrrrrrls zurück.

Der Herold betrachtete den nicht so hübschen Drachentöter. „Es ist eine Anordnung des Königs, denn die Landeszeitung verkauft sich besser mit Bildern von jungen, hübschen Prinzen, die junge, schöne Prinzessinnen befreien.“
„Wie ich gerade sagen wollte“, warf nun Prinz Fortinbras III. ein, „sind die Bilder oft geschönt. Drum zeigt uns zuerst ein Bild der Dame.“
Der Herold überlegte ein Weilchen, zuckte dann die Achseln und sprach: „Befreie also die Prinzessin von Daimant, wer mag.“ Und schon erschien das Bild der neunundvierzigjährigen, hängewangigen Prinzessin von Daimant, deren knallrotes Schläfen-Makeup die Augen blendete, und deren blonde Locken ein wenig drahtig wirkten. Dann verblasste das Bild, und der Herold wandte sich den tapferen Recken zu. „Benennt mir also den Kämpfer für die Dame.“

Doch die Gildenbrüder verschwanden Arm in Arm mit Prinz Fortinbras III. im Wirtshaus, die Menge verlief sich, und nur der Zwirrrrrrl glubschte zu den Bergen hinüber.

Der Herold wusste nicht, wie ihm geschah und durch den magischen Schall seines Stabes hielt er Zwiesprache mit dem Königshaus. Darauf wandte er sich an den Zwirrrrrrl und sprach: „Da du der einzige hier bist, wirst du die Prinzessin befreien. Also folge mir. Es ist die Order deines Königs.“ Er schritt gleich leichten Schrittes in den Berg hinauf und der Zwirrrrrrl latschte tropfend hinterdrein.

Kaum war die versteckte Bergschlucht erreicht, da stieß des Herolds Nase an die ausgestreckte Drachenklaue. „War auch Zeit“, fauchte das Geschöpf. „Das ist meine letzte Lieferung.“ Der Drache griff das königliche Gold, winkte dem Priester, den er ja inzwischen sehr gut kannte, zu und flog davon. Die Braut schritt sogleich auf den Herold zu, doch ihr Lächeln erstarrte, als sie sah, wer sie da freien sollte, und sie schien geneigt, die Flucht zu ergreifen.

Der Priester jedoch sprach: „Heirate ihn, mein Kind. Du weißt doch, was die Legende sagt: Küsse das hässliche Wesen und es wird schön durch deine Liebe.“ Und da die Prinzessin nicht gleich widersprach, vollzog er in Windeseile die Trauungszeremonie und sprach, zum Zwirrrrrrl gewandt: „Ihr dürft die Braut nun küssen.“

Und siehe da!

Als die Braut sich niederbeugte, und das hässliche Wesen auf den Mund küsste, da warf der Zwirrrrrrl die Hülle ab und heraus schälte sich ein wunderschöner, seidenblonder Edelmann von nicht mal zweiundzwanzig Jahren. Er glättete seine Lockenpracht und betrachtete den Zwirrrrrrl, der ihm nun gegenüberstand. „Viel Glück, mein Mädchen“, sagte er. „Wenn dich einmal einer küsst, so wirst du wieder menschlich sein. Doch ich, ich bin nur ein einziges Mal so dumm.“ Sprach’s, schob die Löckchen aus der Stirn und wanderte von dannen.

Und der Zwirrrrrrl latschte ins Dorf, glitt in den Futtertrog vor der Taverne und tauchte ein zum Schlaf. Und wenn nicht irgendwo ein hilfloser Prinz zu küssen war, dann schläft er wohl noch heute.