Der seltsame Fall des Special Agent Arnold Sumowsky – Krimi

in: Das dunkle Mal, Hrs. Burkhard P. Bierschenk, Seiten 165-168,
Bookspot Verlag 2004, ISBN 3-937357-01-7
(out of print)

„Es begann, als ich auf der Bananenschale ausrutschte. Eigentlich war es keine Bananenschale, denn als ich genauer hinsah – “ Dem Mann, der neben mir am Tresen in sein leeres Whiskyglas starrte, versagte die Stimme. Er räusperte sich und versuchte, mit seinen zitternden Händen die Augen zu wischen. Der Mann brauchte eindeutig mehr Stoff, und auf mein Nicken füllte der Barkeeper das Glas.

„Ich bin Arnold Sumowsky.“ Mein Grinsen war ihm wohl nicht entgangen. Er stützte die Arme auf den Tresen und massierte die Schläfen. „Natürlich“, murmelte er. „Ich bin ja seit Tagen Gesprächsthema Nummer Eins. Warum sollten ausgerechnet Sie mich nicht kennen.“ Er ließ die Hände sinken und spielte gedankenverloren mit der Ray Ban, die vor ihm in einer Pfütze Whisky lag. „Aber die wahre Geschichte, die will keiner hören.“

„Ich will sie hören“, beteuerte ich und winkte dem Barkeeper. „Geben Sie meinem Kumpel noch einen.“

„Warum sollte ich Ihnen überhaupt etwas erzählen?“ Sumowsky leckte die Whiskytropfen von seinen Fingern und sah mich abschätzend an. „Sie sehen aus wie ein Bulle.“

Ich musste lachen. Sumowsky hatte gut reden – war er doch selbst bis vor zwei Wochen einer gewesen. Ich zog meine Ray Ban von der Nase und steckte sie in meine Jackentasche. „Einen Teil der Geschichte kenne ich. Sie sind – oder waren – Special Agent beim FBI und viele Jahre im Personenschutz. Sie haben eine treue Gattin, zwei wohlgeratene Töchter und einen tadellosen Ruf. Sie sollen der unbestechlichste Cop sein, der jemals in dieser Stadt beschäftigt war.“ Mein Glas starrte mich vorwurfsvoll an und ich schickte es über den Tresen zur Quelle. „Mike! Einmal auf Eis.“ Das gut gefüllte Glas wanderte mit Mikes Hilfe zu mir zurück. Der Eiskübel und eine volle Flasche folgten und machten unsere Runde perfekt. Ich füllte Sumowskys Glas und grinste den armen Mann breit an. „Dann gab es vor zwei Wochen einen ziemlich deftigen Skandal um die Frau des Präsidenten, deren bizarre sexuelle Vorlieben Sie jahrelang gedeckt haben sollen.“ Ich musste mich schwer beherrschen, um mir bei diesem gelungenen Wortspiel nicht brüllend auf die Schenkel zu schlagen. „Das Video mit dem Beweis liegt inzwischen in einem feuerfesten Safe im Weißen Haus.“ Dieses Mal versagte mir die Stimme und ich gluckste leise vor mich hin. Mike wischte betont konzentriert einen längst sauberen Tresen ab und vermied jeden Blick in unsere Richtung.

„Oh, ja das Video.“ Sumowsky klammerte sich mit einer Hand an die Messingleiste am Tresen und kippte seinen Whisky runter. „Das war nicht die First Lady. Das war irgendeine Nutte, die ihr ähnlich sieht wie ein Zwilling.“ Leicht schwankend angelte er an mir vorbei nach der Flasche. „Ist doch okay, oder?“, fragte er, während er sein Glas wieder füllte. Ich zuckte mit den Schultern und schob ihm das Eis rüber. Er schüttelte den Kopf und hob das Glas. „Kein Eis. Hab genug Eiszeit. Meine Frau ist mit meinen Töchtern weg und meinen Job bin ich auch los.“ Dem einstigen Vorbild an Polizistenehre rollten die Tränen über die Wangen. „Irgendjemand im Weißen Haus hat eine Nutte angeschleppt, die der First Lady aufs letzte Haar gleicht, und sie zu heißen Spielchen im Dienstbotentrakt animiert. Das Ganze dann abgedreht und zusammengeschnitten und unter dem Titel Hotty vögelt Washington erst auf den Markt gebracht und dann dem Präsidenten zugespielt.“

Ich betrachtete Sumowsky nachdenklich und wartete, bis er die Flasche wieder absetzte. „Sie wollten mir doch eigentlich von der Banane erzählen? Was ist denn nun aus der geworden?“

„Am Tag, an dem das Video gedreht wurde, war ich selbst in dem Zimmer, weil dort angeblich gestohlener Schmuck versteckt sein sollte. Als ich reinkam, bin ich auf etwas ausgerutscht, das über den Boden schepperte und sich als Plastikbanane entpuppte.“

„Na, und? Wie kann eine Plastikbanane einen hervorragenden Beamten zu Fall bringen?“ Ich grinste in mich hinein. Eigentlich brauchte ich die Frage gar nicht zu stellen. Ich wollte es aber zu gerne aus dem Munde dieser Unschuld hören.

„Mein Ausrutscher war ebenfalls gefilmt worden.“ Schweiß rann Sumowsky über die Augen und tropfte an seiner Nase herunter. „Dann wurde die Szene in den Porno einkopiert – oder sogar mit dem selben Film aufgenommen und geschnitten. Ich komme rein. Ich rutschte aus. Die Banane schliddert über den Boden. Und im nächsten Bild -“ Sumowsky zerrte verzweifelt an seinem Hemdkragen. Knallrot war er geworden. „Im nächsten Bild fliegt das Ding – durch den Raum und -“ Sumowsky wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und riss seine Krawatte herunter. Trotzdem schaffte er es, den Satz beenden: „fliegt dieser Schlampe zwischen die Beine.“

„Verstehe. Sah für Aussenstehende aus, als hätten Sie einen fröhlichen Fick gehabt. Sorry“, stellte ich mich zerknirscht, als Ex-Special Agent Arnold Sumowsky zusammenzuckte. „Was wollen Sie jetzt machen?“

„Ich finde die Schlampe. Dann muss sie allen sagen, wer das Ding gedreht hat. Auf meinen Job pfeife ich zur Not. Aber meinen guten Ruf – den will ich wieder haben.“ Sukowksy setzte die whiskyduftende Ray Ban auf und zog notdürftig seine Krawatte zurecht. Er starrte mich an. „Kennen wir uns eigentlich? Ihr Gesicht kommt mir so bekannt vor?“

Ich schenkte ihm mein schönstes Grinsen. „Die haben mir Ihren Job gegeben. Tut mir Leid, Kumpel. Einer musste ja dran glauben.“

Er nickte. „Ja, verstehe. Klar. Muss ja einen Sicherheitschef im Weißen Haus geben.“ Mühsam und schwankend drehte er sich zur Tür und torkelte langsam hinaus ins Sonnenlicht.

Ich sah meinem Vorgänger lächelnd nach. Tweeny würde er niemals finden. Sollte sie jemals wieder auftauchen, würde niemand die Leiche mit der kleinen Pornotusse in Verbindung bringen, die mal genau so aussah wie die Frau des Präsidenten.

Zufrieden strichen meine Finger über die Plastikbanane, die ich immer bei mir trage. Man weiß ja nie vorher, wann man einem streberhaften Kollegen einen Knüppel zwischen die Beine werfen kann.