Der Frosch mit dem Märchenglas – Vier moderne Märchen

Foto: Pixelio.de

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Vier Märchen für erwachsene Märchenfreunde.

Der Frosch mit dem Märchenglas
erzählt den wahren Grund, weshalb ein Prinz zum Frosch wurde

Die letzte Prinzessin und der Zwirrrrrrl
handelt von geschäftstüchtigen Drachen und Finanzmagiern und einem verschlafenen Wesen, das kaum jemand kennt.

Auf die Zutat kommt es an
In Irmelindes Hexenfamilie gibt es ein ganz besonderes Rezept für leckere Ehemänner.

Das Babbelbirkenbett
sollte eigentlich nicht in unserer Welt sein. Wie Cora auf die Reise ins All geht und dann auch noch den Mann fürs Leben findet.

 

Empfohlenes Lesealter: ab 16 Jahren
KEINE Märchen für das Erstlesealter, da der Hintergrund zu komplex ist.
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Hinweis zu den einzelnen Geschichten:
„Der Frosch mit dem Märchenglas“ entstand im Laufe des Jahres 2010. Bei den Verhandlungen zu einer von mir herausgegebenen Märchenanthologie fielen einige Texte fort und wir brauchten einen neuen einleitenden Text, der dieselbe Funktion erfüllte wie der frühere: Ein geschlossenes Ambiente zu schaffen, aus dem heraus voneinander teilweise völlig verschiedene Märchen in einen Rahmen passen. Die Veröffentlichung hat sich leider zerschlagen. Auch den angestrebten Verlag gibt es nicht mehr.

 

Der Frosch mit dem Märchenglas

Es war einmal ein junger, sehr hübscher Prinz (den wir jetzt einfach mal Johann nennen – schließlich braucht jeder einen Namen), der verzaubert wurde und danach als Frosch in einem Teich lebte. Eines Tages tauchte dort die jüngste von drei Prinzessinnen auf und verspielte ihre goldene Kugel – wir erinnern uns an die Geschichte.

Wir wissen auch, dass die Lady an Wohlstandsverwahrlosung litt: Jeder Wunsch und Wille wurde ihr erfüllt und sie versuchte immer wieder, sich aus ihren Versprechen herauszuschlawinern. Kurz vor dem Ende der uns allen bekannten Geschichte hatte sie ihre Wut an dem wehrlosen Frosch ausgelassen – dass das misshandelte Tierchen als Prinz zu Boden fiel, darf als bekannt vorausgesetzt werden, nicht wahr?

Nun, lieber Märchenfreund, liebe Märchenfreundin, was meint ihr? Kann ein solcher Mensch wie die Prinzessin sich ändern?

Nein.

Jedenfalls nicht ohne Therapie, und Freud lebte damals noch nicht. Auf die Idee, seine künftige Königin der Schocktherapie einer Hexe auszusetzen, kam unser gutherziger Prinz gar nicht erst. Die Prinzessin blieb also, was sie immer war: ein verzogenes Gör.

Unser Froschkönigssohn lebte also keineswegs glücklich bis an sein Lebensende, und da sie noch nicht gestorben waren, hatte er auf unbestimmte Zeit eine zänkische Yuppi-Schnepfe am Hals, die ihm eine fürstliche Hölle bereitete.

Um das Leben etwas erträglicher zu gestalten, versteckte sich Prinz Johann fast jeden Tag am Ende seiner Wälder hinter Hecken neben einem Teich vor der gesamten Familie. Denn nicht nur seine Frau machte ihm Ärger – nein! Sein Vater verlangte mittlerweile nachdrücklich, dass Johann die Intensivschulung für Thronanwärter belegte. Dabei wollte unser Prinz doch gar nicht König werden! Was also sollte er tun?

Er musste sich entscheiden. Und an einem ganz bestimmten, für unseren Prinzen sehr wichtigen Tag saß er also still auf der steinernen Bank neben seinem kleinen Teich, zu seinen Füßen einen schlichten, grauen Beutel, und grübelte. Dabei drehte er ein kleines Glas in den Händen, aus dem eine winzige Leiter herausragte und auf dessen Boden ganz viele Kugeln kullerten. Neben ihm auf der Bank lag ein zusammengerolltes Dokument, das mit dem prinzlichen Siegel verschlossen war. Prinz Johann hatte einen Entschluss gefasst und jetzt wartete er …

… auf den treuen Kutscher Heinrich (der Typ mit den coolen Metallklammern ums Herz, ihr wisst schon), der nämlich noch immer für den Prinzen arbeitete. Er war seit ihrer gemeinsamen Rückkehr aus der Fremde Johanns engster Vertrauter geworden. Da kam er auch schon um die Ecke.

“Johann”, sprach der treue Heinrich (man war längst zum unstandesdünkeligen Du übergegangen), “ich mache mir Sorgen. Wie willst du das Reich regieren, wenn du nicht endlich das Regieren lernst?”

Johann seufzte. „Ach, treuer Heinrich, kennst du das Gefühl, den falschen Beruf zu haben?“

Heinrich nickte. Oh, ja! Auch er hatte einmal Träume gehabt, doch dann war er wie alle seine Vorfahren Kutscher geworden. „Eigentlich wäre ich lieber …“

Prinz Johann unterbrach ihn. „Ich möchte nicht König sein. Und meine Frau würde ich auch gerne einmal gegen die Wand klatschen, aber ich habe wirklich Angst vor dem, was sie dann werden könnte. Ach, am liebsten möchte ich mit Babette auf Reisen gehen und all die Märchen erzählen, die mir viele kluge Menschen in den letzten Jahren aufgeschrieben haben.“

„Babette?“, fragte Heinrich zerstreut, der in Gedanken noch immer König über ein großes Reich war. „Ah, warte, du meinst unsere Dorfhexe? Die, die dich damals …“

„Ich muss dir etwas beichten.“ Prinz Johann schluckte und endlich, nach all den Jahren, erfuhr Heinrich die wahre Geschichte der Froschwerdung. Prinz Johann war nämlich keineswegs von einer bösen Hexe verflucht worden, sondern … aber lest selbst:

Prinz Johann wurde mit Zauberkräften geboren. Das war zwar in der damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches, aber für Blaublüter schickte sich das Herumgezaubere nicht. Also verlangten seine Eltern bei seiner Liebe zu ihnen, dass er diesen Unsinn sein ließe. Er unterschrieb sogar einen Vertrag, dass er niemals seine besonderen Kräfte entfalten würde. Natürlich war der Vertrag nichtig, weil der Prinz ja minderjährig war, aber er liebte seine Eltern nun einmal und von der rechtlichen Seite verstand er damals ohnehin nicht viel.

Er wuchs heran und mit ihm seine magischen Fähigkeiten. Heimlich lernte er bei der Dorfhexe das Zaubern. Die kluge Frau wusste nämlich, dass er das nicht unterdrücken durfte, sonst würde früher oder später Schlimmes geschehen. Sie wusste aber auch, dass man den Zauberunterricht dem König und der Königin besser verschwieg. Der Prinz lernte schnell und als er vierzehn Jahre alt war, beherrschte er die Transfiguration. Eines Tages verwandelte er sich also in – einen Frosch.

Der nächste Schritt wäre gewesen, den Rückverwandlungsspruch fehlerfrei herzusagen. Doch das Schicksal wollte es anders und der Schatten eines riesigen Vogels senkte sich auf Frosch Johann hinab. Erschrocken hoppte er hoch, schlug sich den Kopf hart an einem Bottich und sprang dann mit der ganzen Kraft seiner Froschschenkelchen davon. Der Storch – denn so einer war das – versuchte ihn zu fangen, doch Dorfhexe Babette hatte sich von ihrem Schrecken so weit erholt, dass sie eingreifen konnte. Von dem Prinzen war jedoch weit und breit nichts mehr zu sehen.

Er war in den Fluss gesprungen und von der Strömung davongetrieben worden, bis er irgendwann irgendwo an ein Ufer geschleudert wurde. Er hatte durch den Rempler gegen den Bottich sein Gedächtnis verloren und steckte in seinem Froschkörper fest. Nach einer langen und ermüdenden Reise landete er in dem kleinen Teich in dem Wald, an dem dann die bekannte Geschichte dann ihren Lauf nahm.

Der treue Heinrich staunte. „Und warum wurdest du wieder ein Mensch?“

„Als ich mit dem Kopf zuerst gegen die Wand knallte, war plötzlich mein Gedächtnis wieder da. Da habe ich schnell meinen Spruch aufgesagt und war wieder ganz der Alte. Und damit saß ich in der Falle. Stell dir vor: Da geht eine junge Frau mit einem Frosch in ihr Schlafzimmer, zieht sich nackt aus, wirft den Frosch gegen die Wand und als ob das nicht schon abgefahren genug ist, hockt da plötzlich ein wildfremder Mann auf dem Boden und glotzt sie an. Klamotten hatte ich natürlich nach den vielen Jahren auch keine mehr. Sie schreit, ihre ganze buckelige Verwandtschaft rennt rein, ich bin völlig überrumpelt und – zack – war es passiert.“

Heinrich grinste. „Und jetzt?“, fragte er und musterte den schlichten Anzug, den der Prinz trug, sowie den Beutel und das Glas.

„Ich habe mich entschieden. Ich verlasse euch und werde Märchenfroschkönig.“ Er legte den Beutel über die Schulter, nahm die Pergamentrolle auf und reichte sie dem Heinrich. „Hier, mein treuer Heinrich, sind meine Abdankung und mein Vermächtnis. Du sollst nach meinem Vater König sein. Babette muss jeden Augenblick … da ist sie schon! Leb wohl, mein Freund. Regiere weise und denke ab und zu einmal an mich.“

Ein großer rosa Schmetterling setzte sich auf Johanns Schulter und zwinkerte Heinrich fröhlich zu. Johann winkte seinem alten Freund und verließ mit dem Schmetterling auf der Schulter fröhlich pfeifend das Königreich.

Johanns Wille geschah. Heinrich wurde der achte König des Landes und Johann und Babette wanderten durch die Welt. Manchmal gefiel es dem Ex-Prinzen, ein Frosch zu werden, dann hockte er sich in sein Glas und las aus den Kugeln seine Märchen vor.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann liest er sie noch heute mit Babette an seiner Seite.


 

„Die letzte Prinzessin und der Zwirrrrrrl“:
Petra Hartmann [Hg.]
Drachenstarker Feenzauber
Paperback
Wurdack Verlag 2007, Seiten 87-90, ISBN 3-938065-28-1

vergriffen
siehe auch: Die letzte Prinzessin und der Zwirrrrrrl

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Auf die Zutat kommt es an
in: Es lebt!
Story-Olympiade 2004,
Seiten 43-47, ISBN 3-938065-05-2
vergriffen
siehe auch: Auf die Zutat kommt es an

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„Das Babbelbirkenbett“:
Not a vintage car, but a vintage text – one of my first. Erreichte in einem Phantastik-Forum unter dem Pseudonym Jocelyn Adams (für Fantasy) den 11. Platz in einer Ausschreibung … leider waren nur die ersten 10 im Gewinnerrennen … ursprünglich lautete der Titel „Die Chronik der unfreiwilligen Weltenbummler 1:  Das Babbelbirkenbett“

 

Die Chronik der unfreiwilligen Weltenbummler: Das Babbelbirkenbett

„Da ist es!“
„Sei doch still! Bei deinem Gekreische schlägt die Nacht gleich ihre Lichter auf.“
„Ja, nun sieh doch hin. DA.“

Cora drehte sich stöhnend um. Langsam und unter großer Mühe gelang es ihr, ein Auge zu öffnen und auf den Wecker zu schielen. Mitternacht, registrierte sie, und schon zog sich das Augenlid wieder in die Ausgangsposition zurück. Mit einem kleinen Seufzer kuschelte sie sich in ihr Kopfkissen und ließ sich in die traumlose Schwärze zurückfallen.

„Das ist es wirklich. Fein, fein. Dann mal los:
Höckelmöck und Stutenklecks
bring uns zu der Zippelhe -he!“
„Was sollen wir denn bei der alten Zippelinschen, hä?“
„Oh. Das war ja letztes Mal. Weißt du noch?“
Leises Kichern.
„Oh ja, das Taufbecken von Bruder Honkatawonka. Das war ein Spaß. Noch mal:
Huggelmotz und Stutenwachs…“

Verzweifelt klammerte Cora sich an ihren Willen zum Weiterschlafen. Seit sie dieses Bett gekauft hatte, träumte sie einen derartigen Blödsinn, dass sie manches Mal vor Lachen nicht wieder zur Ruhe kam. Huggelmotz. Das war einfach lächerlich.

„Du bist eine verflixte Nervensäge.“
„Und du bist ein riesiges Haddamack, das sich als Zauberer verkleidet.“ Das klang jetzt ziemlich beleidigt.

Haddamack? Cora schlug die Augen auf. Der Strahl eines Suchscheinwerfers ruhte auf dem Bett und rückte die Homer-Simpson-Bettwäsche ins rechte Licht. Cora setzte sich auf und blinzelte. Genau in dem Moment stieß sich das Bett vom Boden ab, klappte die Beine unter und schwebte hinaus aus dem Fenster, das sich vor Cora öffnete und hinter ihr wieder schloss.

Das Bett schwankte ein wenig und driftete nach Nordnordost auf einen Teppich zu. Dort kauerten zwei Männchen, die ihre Hände nach den Bettpfosten ausstreckten und unverständliche Wörter murmelten.

„Hilfe!“, rief Cora. „Die entführen mich!“

Als hätte es sein Leben lang nichts anderes getan, steuerte das Bett in die Mitte des riesigen Teppichs, fuhr die Beine wieder aus und parkte. Natürlich. Was sollte es auch sonst tun, schließlich gehört ein Teppich unters Bett. Cora lugte vorsichtig über die Bettkante und erkannte einen der vermissten Gobelins aus dem Louvre. Doch das Wissen nützte ihr überhaupt nichts, denn die Situation blieb, wie sie war.

Das ältere Männchen klatschte einmal in die Hände, worauf das Licht erlosch, und sein Begleiter rief:

„Schrimmschrammschrumm, nun kehrn wir wieder um.“

Der Teppich machte eine rasante Kehrtwendung und schwirrte kometengleich ins All hinaus.

„Muckeltuck und halber Lachs,
diese Reise ist ein Klacks.“

Der Teppich schoss hinunter in einen orangekristallenen See, setzte dadurch das Bett und alles drin und drum herum unter Wasser, tauchte am anderen Ufer wieder auf und robbte an Land.

„Himmel, Nas‘ und Krötenschlund „, murmelte der ältere. Langsam setzte er sich auf und schob seinen türkisfarbenen Fez von der Nasenspitze zurück auf den Kopf. Er warf einen Blick auf seinen Begleiter, der platt bäuchlings auf dem Teppich lag, und kickte ihm mit einem seidenbestickten Schnabelschuh in die Seite. „Könntest du jetzt bitte endlich das Niveau deiner Sprüche vom Knüttelvers weg in Richtung Zauberlyrik heben? Ja? Du weißt doch inzwischen selbst, dass wir diese ständigen Bruchlandungen nur wegen deiner Kindergartenlyrik bauen.“

„Dann mach doch selbst“, jappste der jüngere und spuckte bei jedem Buchstaben einen Schwall orangeleuchtendes Wasser aus. „Wirst schon sehen, wie weit du als einfacher Handmagier kommst.“

Der ältere lächelte nur mild und begann, wundersame Zeichen in die Luft zu weben. Nach und nach trockneten sein Fez, sein Haar, sein roter Kaftan mit den bunten Symbolen darauf und seine Schuhe. Dann hielt der Alte inne, kreuzte die Arme vor der Brust und sagte: „Na?“

„Pffffft,“ maulte sein Freund.

„Trotzkopf“, schnauzte der Alte.

„Entschuldigung“, sagte Cora.

„Du entschuldigst dich? Ja, du heiliger Krötenschlund, dass ich das noch erleben darf“, staunte der Alte.

„Wer? Ich?“, fragte sein Freund.

„Wer denn sonst?“, fragte der Alte.

„Ich“, sagte Cora. In Anbetracht der zauberhaften Fähigkeiten dieser beiden schien ihr ein wenig Höflichkeit angebracht. Sie hatte die Beine aus dem Bett geschwungen und stand nun ein wenig schwankend auf dem Boden. Alt und Jung starrten sie an.„Ja, ähm, guten Abend. Entschuldigung, aber – bitte – könnten Sie das Bett und mich auch wieder trocknen?“

„Was ist das?“
„Was hast du denn jetzt wieder gemacht?“
„Es spricht.“
„Du sollst doch keine Fremden mitbringen.“
„Kann ich das riechen?“

Der Alte machte eine herrische Bewegung mit beiden Händen. Prompt rissen die Knöpfe von Coras Schlafanzug. Die Jacke flog auf und die Schlafanzoghose verkroch sich hinunter zu den Knöcheln.

„Ein Weibchen.“
„Das kann nicht sein. Es spricht doch.“
„Sieh doch hin, du Trottel. Eindeutig ein Weibchen.“

Inzwischen hatte Cora die Bettdecke geschnappt und versteckte sich dahinter. Vielleicht sollte sie ein Traumtagebuch führen. Daraus ließen sich bestimmt mal gute Geschichten machen. Aber jetzt musste erst einmal das aktuelle Problem gelöst werden, oder sie starb an einer Traumgrippe.

„Bitte. Könnten Sie mich jetzt wieder trocknen und anziehen? Ich werde sonst noch krank.“ Zur Bekräftigung ihrer Worte hustete sie einmal kräftig und zog die Decke noch enger um sich. „Bei mir zu Hause nennt man uns übrigens ‚Frauen'“, fügte sie schniefend hinzu.

„Verzeihung. Immer wenn ich mit Bonkfronk reise, vergesse ich vor lauter Ärger meine guten Manieren.“ Der Alte wedelte rasch mit den Händen und wiederholte den kompliziert gewebten Trocknungszauber. Ein paar schnelle Gesten, und Cora stand nach Art des Landes gekleidet neben ihrem Bett.

„Vielen Dank“, sagte Cora höflich. Sie setzte sich auf die Bettkante und betrachtete die beiden Männer. „Was wollen Sie eigentlich … Oh.“ Überrascht schnupperte sie an dem Teller Suppe, der sich in ihren Händen materialisiert hatte. Eine kleine Kelle folgte und genüsslich löffelte Cora die beste Suppe ihres Lebens aus. Dann stellte sie den Teller neben sich und beendete ihre Frage: „Was wollen Sie mit meinem Bett?“.

Der Alte strich bedächtig seinen wolligen Bart und betrachtete Cora nachdenklich. Anscheinend kam er zu dem Schluss, dass er ihr vertrauen konnte, denn er erklärte: „Unsere Fabriken produzieren Gegenstände, die Ihr in Euerer dunklen Welt ungewöhnlich oder sogar gefährlich finden würdet. Fliegende Teppiche. Vollautomatische Taufbecken. Je ausgefallener eine Sache ist, um so besser gefällt sie uns.“

Er setzte sich neben Cora auf die Bettkante und sie stellte fest, dass er aus der Nähe weder alt noch unattraktiv aussah. Er räusperte sich und fuhr fort: „Manchmal verlassen uns Männer. Entweder sind sie auf Abenteuer aus, oder sie verfliegen sich, weil ein Teppich sich plötzlich nicht steuern lässt. Manchmal sind sie aber auch nur einfache Diebe, die unsere Erfindungen auf anderen Welten ertragreich nutzen wollen. Sie schnappen sich dann, was ihnen am wertvollsten scheint, und machen sich aus dem Staub unserer Welt.“

Coras Herz schlug schneller, als der Mann näherrückte und ihr sanft über den Rücken strich. Sie neigte sich zu ihm und lauschte gebannt seiner weiteren Erzählung:

„Fast alle Sachen finden wir auf der Erde wieder. Meistens landen sie in einem Haus, in dem Eure Leute nur gucken, aber dem heiligen Krötenschlund sei Dank nichts anfassen dürfen. So ist unser Zauber vor ungeschickten Händen sicher. Nur dieses verflixte Taufbecken hat uns eine Menge Ärger beschert. Jedenfalls machen wir uns immer zu zweit auf die Suche und bringen die Dinge, die uns gehören, zur Sicherheit aller Betroffenen wieder zurück hierher.“

Sein Daumen massierte Coras Nacken und er lächelte. „Ich bin Talako“, raunte er und knabberte an ihrem Ohrläppchen. Solche Träume mochte sie. Mit einem leisen Seufzer sank sie zurück und schloss die Augen. Bei ihrem bekannten Pech würde sie wahrscheinlich jeden Moment aufwachen, und daher war zu genießen, was greifbar war. Sie spürte seinen Mund, als er flüsterte: „Und dieses Bett ist auch etwas Besonderes. Wer darin liegt, hat fröhliche Träume, schläft entspannt und geht tagsüber mit besonderer Freude seiner Arbeit nach. Es ist aus Babbelbirkenholz.“

Babbelbirken. Cora versuchte krampfhaft, nicht zu kichern, aber schließlich prustete sie doch los und lachte und lachte und lachte. Verflixt, schimpfte sie in Gedanken. Gleich würde sie aufwachen, auf ihre Homer-Simpson-Bettwäsche starren und sich wieder in diesen Traum zurückwünschen. Sogar im Schlaf vergackerte sie die interessanten Typen. Es war zum Auswachsen.

„Na gut, dann willkommen in der Realität.“ Seufzend richtete sie sich auf und sah sich um. Schloss die Augen, öffnete sie wieder und sah sich noch einmal um. Ihr Blick fiel auf Talako, der sich zurückgelehnt hatte und sie lächelnd beobachtete. Okay, sie hatte sich also noch nicht ins Wachsein zurückgekichert. Dann war es an der Zeit, den Traum an der richtigen Stelle fortzusetzen. Leider gab es ein Hindernis.

„Was machen wir mit dem Weibchen?“

Cora stöhnte. Diesen lästigen Bonkfronk hatte sie ganz vergessen. Sie warf einen verstohlenen Blick auf das Objekt ihrer Begierde. Talako beugte sich vor und zog Cora zu sich herüber. „Ich nehme es.“

„Aber es spricht.“
„Das ist mal eine nette Abwechslung.“
„Unsere Weibchen sprechen nicht.“
„Dann zieht es in Gesellschaft eben Hosen an.“
„Was willst Du denn von ihm?“
„Was alle von ihren Weibchen wollen.“
„Aber es spricht.“

Cora hielt sich die Ohren zu. „Halt“, rief sie. „Mein Traum geht ganz anders. Bonkfronk verschwindet in der Ferne und kaum ist er fort, wendet sich Tala mir zu und wir beide träumen gemeinsam ein paar Nettigkeiten. Morgen wache ich dann auf und gehe wie jeden Tag zur Arbeit. Aber bitte – lass uns endlich anfangen. Die Nacht ist irgendwann vorbei.“

Talako zog ihr sanft die Hände von den Ohren. „Du gehst nicht wieder zurück.“
„Ich träume doch nur. Mach das Traumspiel weiter, ja? Bitte!“
„Du kannst nicht mehr zurück.“
„Der Traum wird albern.“

Klatsch.

Cora hockte verdutzt auf dem Bett und hielt sich die Wange. Sie starrte Talako und fauchte: „Bist du bescheuert?“
„Glaubst du immer noch an einen Traum?“

„Deswegen brauchst mir keine zu scheuern. Einmal zwicken reicht.“ Cora sah sich um. Die beiden Männer waren noch da und starrten sie an. Sie hockte nach wie vor in einer fremden Tracht auf ihrem Bett und betrachtete den See, der wie ein orangefarbener Kristall schillerte.

„Ich bin hier gestrandet?“ Wenn der Kerl nur nicht so herrliche graue Augen hätte. „Ich will nicht die Frau des Zauberers sein.“ Sie versank immer tiefer in diesem Blick. „Okay.“

Mit leisem Lachen stand Talako auf und tätschelte ihre Wange. „Zauberer ist nur ein Nebenberuf für die Männer dieser Welt. Ich bin hier der Bäcker.“ Er stand auf und trat zurück. Mit jedem Schritt, den er sich von Cora entfernte, wurde er unattraktiver und älter.

Es dauerte Jahre, bis sie sich daran gewöhnt hatte, dass er nur aus der Nähe ein hübscher Kerl war.