Der Buchclub meint’s gut – Glosse

oder: Der deutsche Zoll und die Weltwirtschaftskrise

Schuldig im Sinne der Zöllner: Ich habe jahrelang die sträflichst dem (damaligen) deutschen Rabattgesetz zuwiderlaufende Zugaberegelung des US-Buchhandels genutzt. Solange die Lieferungen über Bremen abgefertigt wurden, gab es keine Probleme. Anstandslos wurden die Päckchen durchgewunken und kurz darauf konnte ich sie glückstaumelnd in die Arme schließen. Die deutsch-amerikanische Buchfreundschaft lebte und die Wirtschaft freute sich. 1997 änderte sich das schlagartig.

Obwohl ich über ein relativ unausgeprägtes Zeitgefühl verfüge, fiel mir auf, dass eine Bestellung noch nicht ausgeliefert war. Es war dieses instinktive Wissen, das mich täglich an den Haltestellen überfällt: Hoppla, da verspätet sich was. Gewaltig.

Eines Tages erhielt ich eine Mahnung für die Sendung. Sie war in den USA schon vor drei (in Zahlen: 3 !) Monaten abgeschickt worden. Und als ob da jemand auf der Lauer gelegen hätte, trudelte am folgenden Tag eine Vorladung ins Hauptzollamt Hamburg ein. Man habe dort eine Lieferung. Die möchte ich doch dort mal bitte abholen.

Hä?

Eine kurze Recherche ergab, dass seit einiger Zeit eben dieses HZA Hamburg „für die Abfertigung des ausländischen Wirtschaftsverkehrs“ zuständig war. Bremen hatte andere Aufgaben bekommen. Na gut. Anfängerbonus notiert und hingelaufen. Das Amt lag auf dem Weg zum Arbeitsplatz und konnte vorher locker angelaufen werden.

Ein Riesenladen. Mittendrin eine Säule mit einer Bank drumherum. Später lernte ich, dass Fussball auch andernorts funktioniert: die Strafbank.

Ich halte meinen Abholschein bereit und stelle mich an eine lange, mit 7 eifrigen Beamten* und 0 Kunden besetzte Ausgabetheke. „Nö“, sagt fünf Minuten später einer. „Sie müssen sich erst mal anmelden.“ Auf meinen verständnislosen Blick ernte ich ein: „Mein Gott. Da!“ Sein nervöses Schnippen lotst mich zu einem Schalter hinter meiner linken Schulter – weit genug weg, dass ein Neuankömmling sich dazwischenmogeln kann.

Endlich darf ich mein Zettelchen rüberschieben. „Geben Sie mir mal die Rechnung. Wenn Sie so was haben.“ „Nein, habe ich nicht.“ *Der Typ sieht tatsächlich hoch. Unfreundlich. „Warum haben Sie keine Rechnung?“ „Weil“, setzt ich an und ein Haifischlächeln auf, „SIE meine Rechnung haben. Rechnungen kleben auf Paketen. Oder liegen drin. Ich kann Ihnen aber gerne die Mahnung zeigen.“ Oh. Ohoh. Dabei ist das noch die Niederschrift der Kurzfassung. Er kaut an der Langfassung. Ich möge doch bitte warten, bis ich aufgerufen werde.

Also setze ich mich. Nach mir sind noch mehr Kunden eingetroffen und wir teilen uns geschwisterlich die Bank. An der Ausgabe nur Männer, die ab und zu mal zu uns rüberschielen. Nägel lackieren und leise kichernd lauschen, ob der Irre am anderen Ende immer noch auf Vermittlung wartet. Erstaunlich, wie weiblich eine geballte Ladung Testosteron wirken kann. Niemand ruft mich auf. Zwanzig Minuten. Endlich darf ich hinüber zur Herrenbastion. Noch fünfzehn Minuten, um pünktlich im Büro zu sein.

*Django kommt. Breitbeinig. Brustkastenlastig. Sind die beim Zoll nicht auch bewaffnet? Ich schrumpfe. Sie haben die Rechnung abgerissen. Eine Wunde klafft in der Pappe. Django zückt ein Buschmesser. Es ist ein einfacher Brieföffner, aber ich halluziniere vor Schreck. Django jagt sein Messer in das Klebeband. Sticht es ab. Schlitzt es auf. Ich zittere. Schweiß rinnt. „Da. Da. Da. Da.“ Bei jedem „da“ klatscht ein Buch auf den Tresen. „Vier. Vier Bücher stehen auf der Rechnung.“ Er greift wieder in die Zauberkiste. „Und da. Und da. Was haben Sie DAZU zu sagen?“ Ja, das sind sechs Bücher. Hattu feini macht. Und? „DIE ZWEI SIND NICHT BERECHNET.“ Logisch. Die habe ich ja auch geschenkt bekommen. Amerikanische Form der Kundenbindung. Bei Abnahme von bestimmten Büchermengen gibt es gestaffelt give-aways. Ich erkläre. Er glotzt.

Vielleicht rede ich ja zu schnell? Ich versuche, das gleiche mit anderen Worten zu sagen. Oder sollte ich es tippen? Bei meinem Tempo komme ich dann garantiert nicht mehr raus. Wir kauen die rechtliche Seite der amerikanischen Rabattgewährung im Verhältnis zu den Vorschriften der deutschen Zugabeverordnung durch. Fast eine Viertelstunde.

Irgendwann ist Django nur noch lächerlich. Oder bin ich so sauer, dass mich nichts mehr schreckt? Ich verstoße mein Paket. Auf dem hüfthohen Ausgabetresen flutscht es dahin, wo bei größeren Männern das Gemächt über die Kante luschern würde. „Ich verweigere die Annahme. Schicken Sie es einfach zurück und sagen Sie dem Absender, warum. Dem Welthandel tut das bestimmt gut.“ Ich wirbele um meine persönliche Achse und schreite zur Tür.

„Äh – Moment. Sie können doch nicht – warten Sie, ist ja gut.“ Er starrt mich an und verspricht, das Paket wieder zu verschließen. *Der Auszubildende braucht dafür noch einmal eine knappe Viertelstunde – erst muss er den Riesenhobel zum Aufbringen des Paketklebebands suchen. Dann übt er, mein Päckchen packen. Ich komme zu spät ins Büro und klinke mich aus dem Welthandel aus.

Im Oktober 2003 bestelle ich über amazon.de. Der Gebrauchtanbieter zieht das Geld vom Konto inklusive Frachtkosten. Das Buch soll zu Weihnachten da sein. Im März 2004 erhalte ich eine Mail: „Den Betrag haben wir erstattet. Die Bestellung wurde ohne Angabe von Gründen zurückgesandt. Die Frachtkosten gehen zu Ihren Lasten.“

Der Versender sitzt in Amerika.

*Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden, im HZA tätigen Beamten/Ausbildungsnehmern waren leicht vermeidbar. Die Erinnerung verklärt sich alles – die dichterische Freiheit besorgt den Rest.

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Literaturzeitschrift
(Erscheinen eingestellt)
© 2004