Auf die Zutat kommt es an – Urban Fantasy

Auf die Zutat kommt es an
in: Es lebt!
Story-Olympiade 2004,
Seiten 43-47, ISBN 3-938065-05-2
vergriffen
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Der Text erscheint inzwischen in dem E-Book  „Der Frosch mit dem Märchenglas“ – Vier moderne Märchen

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Irmelinde war nicht besonders überrascht, dass ihre Nichte am Valentinstag wieder alleine war. Die Ruhwer-Frauen hatten nun einmal einen ganz besonderen Geschmack, was Männer betraf, und Helli würde unter den aktuell umtriebigen Exemplaren keinen finden, der ihren Ansprüchen genügte. An einem magischen Tag wie diesem konnte man das aber leicht korrigieren. Außerdem war Sonntag. Sonntagsmänner steckten voller Überraschungen.
Sie drückte ihrer verdutzten Nichte einen kleinen braunen Reisekoffer, aus dem es nach Gewürzen duftete, in die eine Hand und einen eng beschriebenen Bogen Papier in die andere. Dann zerrte sie eine riesige Backform vom Beifahrersitz ihres Cabrios herunter, die sie in der Küche vor dem Herd abstellte. Liebevoll klopfte sie Helli auf die Wange und sauste unter Missachtung aller jemals erlernten Verkehrsregeln nach Hause. Zügig eilte sie in ihr Arbeitszimmer, wo sie ihre Kristallkugel einschaltete. Aufatmend lehnte sie sich in dem breiten, weichen Ohrensessel zurück und stellte erfreut fest, dass Helli die kleinen bunten Gewürzdosen ordentlich auf dem Tisch aufgereiht hatte und das Rezept studierte. Den alten Schädel von Großvater hatte sie schon in das Kopfteil der Form gelegt und mit cremigem Lebkuchenteig überzogen.
Irmelinde stutzte. Natürlich hatte sie das Rezept mit einem Neugierzauber belegt. Aber das Tempo, mit dem ihre eigentlich doch ahnungslose Nichte das Prozedere begriffen und die Arbeit aufgenommen hatte, grenzte ebenso an Hexerei wie die Selbstverständlichkeit, mit der sie dies offensichtlich tat. „Zeig alles“, befahl Irmelinde nach kurzer Überlegung, und die Kugel steuerte den Blick durch Hellis Haus. „Ach! Sieh mal an“, murmelte Irmelinde, als sie in den Bücherregalen im Wohnzimmer zahlreiche Abhandlungen über Magie und eine Sammlung moderner Hexenrezepte entdeckte. Eine Kopie des Ruhwer-Buch der Schatten, das seit Ewigkeiten auf Irmelindes Speicher versteckt war, lag aufgeschlagen auf dem Esstisch neben einer Kristallkugel. „Helli ist eine Selbstlernhexe.“ Irmelinde kicherte vergnügt und zündete eine Zigarette an. „Küche“, befahl sie. Sie lehnte sich entspannt zurück und beobachtete gut gelaunt, wie ihre Nichte geschickt die Zutaten mischte.
Das melodische Ringeding von Irmelindes Türglocke übertönte das Klappern und Klirren aus Hellis Küche. Irmelinde blinzelte kurz in die Türkugel und teleportierte ihre Besucherin direkt ins Arbeitszimmer.
„Wenn das jetzt jemand gesehen hat!“ Margitta, Irmelindes liebste Sandkastenfeindin, zog Mantel und Kleid zurecht und starrte Irmelinde böse an. „Wir verlieren deinetwegen noch die Hexenlizenzen.“
Irmelinde winkte ab und zeigte auf die Kugel, in der Helli gerade zwei glatte, runde Haselnüsse in den Teig über Großvaters Augenhöhlen drückte. „Oh, eine von euren Sonderanfertigungen“, stellte Margitta erfreut fest. „Wie schön. Das Ritual kenne ich noch nicht. Warum nimmt sie denn Haselnüsse? Schwarze Augen sind doch viel erotischer. Oder grüne.“
„Korinthen und Erbsen sind für Profis. Mit denen darf nichts schiefgehen. Stell dir vor, eine Anfängerin verpatzt den Festsprechzauber und lässt die Dinger verrutschen!“ Irmelinde schüttelte sich. Nachdenklich betrachtete sie die Gewürzdosen auf Hellis Küchentisch. „Komisch“, murmelte sie. „Es kommt mir vor, als ob etwas fehlt.“
„Können sie denn jetzt Kinder machen?“ Margitta presste ihre Nase fest ans Glas und lief rot an, als Irmelinde hinter der vorgehaltenen Hand leise gluckste. „Ich meine natürlich, ob sie echte Kinder zeugen können. Du hast doch vor Jahren nach einem Rezept gesucht.“
„Nein.“ Irmelinde drückte ihre Zigarette aus und zog eine neue aus der Packung. „Die Säfte versäuern den Teig und verderben den ganzen Mann. Mit Brötchen und Wachstumszauber bekommst du aber trotzdem Kinder und lebst wie eine normale Familie. Adoptieren ist auch gut. Oder …“ Sie brach ab, schob die Zigaretten über den Tisch und säuselte: „Bist du immer noch zu eitel für die Brille?“
Verlegen zupfte Margitta an dem rosa Beutelchen, das an ihrem Gürtel baumelte, und fischte eine Brille heraus. Sie griff nach den Zigaretten und blinzelte angestrengt in die Kugel. „Hext Helli ganz alleine?“, fragte sie überrascht. „Ich wusste gar nicht, dass ihr sie eingewiesen habt.“
„Helli hat sich heimlich alle verfügbaren Ratgeber über Hexen besorgt, und das Studium hat ihr wohl die Augen geöffnet. Sogar unser privates Zauberbuch hat sie kopiert, ohne dass die Hüterin es merkte.“ Irmelinde runzelte die Stirn. „Talent vererbt sich eben. Außerdem ist das Nachbacken nicht schwer. Die Magie hatte ich ja vorher in die Zutaten gesprochen.“ Beunruhigt beugte sie sich vor. „Warum schüttet sie denn den ganzen Pfeffer in den Teig? So einen Mann bekommt sie doch nie in den Griff.“
„Vielleicht will sie, dass er richtig scharf wird?“, meinte Margitta bissig.
Irmelinde schüttelte den Kopf. „ Pfeffer macht temperamentvoll. Sex kommt von weißer Lilienwurzel.“ Sie nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. „Ich wünschte, ich könnte Helli fragen. Aber meine Kugel verweigert seit Wochen jeden Sprachkontakt, und Helli hat kein Telefon.“
Margitta plumpste mit einem leisen Kichern in den Sessel vor dem Fenster. „Wofür braucht sie Babyöl?“
„Damit er Kinder mag“, antwortete Irmelinde zerstreut und zählte die Gewürzdosen auf dem Küchentisch. „Man muss sparsam damit sein, sonst wird aus dem Mann ein Vatertier.“ Irmelinde fing einen Blick ihrer Freundin auf, der Böses ahnen ließ. „Was ist?“
„Die Flasche ist Helli aus der Hand gerutscht. Der Teig schwimmt in Öl.“
„Oh, mein Gott.“ Hilflos starrte Irmelinde in die Kugel und Margitta schob sich auf ihrem Sessel kichernd nach vorne. Die beiden Frauen beobachteten, wie Helli den geformten und mit Zuckerfäden behaarten Laib in die richtige Position brachte und den Backofen einstellte. Lässig zog sie Pullover und Hose aus und warf sie neben der Backform auf den Boden. Ihre weinrote Unterwäsche legte sie sorgfältig in Kopfhöhe auf den Rand und schlenderte mit einem sinnlichen Hüftschwung aus der Küche.
„Und jetzt?“, fragte Margitta.
„Sherry und Kaffee. Oder lieber Whisky?“
„Sherry.“ Margitta reckte den Hals, aber von Helli war nichts mehr zu sehen. „Eigentlich wollte ich wissen, was Helli jetzt macht.“
Irmelinde hob die Hände und öffnete gerade den Mund, als sie Margittas vorwurfsvoll verzogenes Gesicht sah. „Schon gut“, sagte sie. „Keine Hexerei, wenn Handarbeit genügt.“ Ächzend angelte sie nach ihrem Krückstock und warf Margitta einen leidenden Blick zu, der Steine hätte erweichen können. Seufzend bemerkte sie, dass Margitta nicht zum Schmelzen aufgelegt war. „Willst du wissen, was Helli jetzt macht?“ Lauernd beobachtete sie die Freundin, deren Neugier sie lange genug kannte. „Ich erzähle es dir, wenn du nicht verrätst, dass ich …“ Irmelindes Blick fiel auf einen kleinen Roboter neben ihrem Ohrensessel. Sie langte hinunter und drückte einen Schalter an seinem Rücken. „Kaffee, Milch, Zucker, Sherry“, verlangte sie, und der Roboter machte sich surrend und piepend auf den Weg in die Küche. Irmelinde lehnte sich gelassen in ihrem Sessel zurück und schlug die Beine übereinander. „Da habe ich doch vor lauter Aufregung vergessen, dass ich einen Butlerbot testen soll.“ Sie lächelte. „Also, keinen Streit um nutzlosen Magieverbrauch.“
Margitta starrte dem Butlerbot nach und lächelte säuerlich. „Du vergisst in letzter Zeit ziemlich viel. Wirst du alt?“, fragte sie schnippisch.
Irmelinde pulte die letzte Zigarette aus der Packung. „Ich habe jedenfalls noch nie etwas Wichtiges vergessen.“ Sie blickte in die Kugel. Der Teig färbte sich gleichmäßig braun. „Helli muss sich mit einer duftenden Lotion oder ihrem Lieblingsöl salben. Dann sitzt sie im Schneidersitz auf dem Bett und meditiert.“
„Hat sie ein Mantra?“
„Natürlich: ‚Mann seist du, wie ich es will‘. Dabei muss sie sich ihren Traummann mit allen Details vorstellen. Genau so wird er dann.“ Der Butlerbot stellte zwei Tassen und die Kaffeekanne auf den Tisch. „Jetzt hat er tatsächlich die Hälfte vergessen.“ Irmelinde rettete das Tablett mit einem schnellen Griff vor dem Abrutschen und befahl: „Milch. Zucker. Sherry.“
Der kleine Roboter rollte in die Küche und holte Milch und Zucker. Margitta kicherte. „Die sollen bei anderen gut funktionieren. Wer hat deinen programmiert?“
„Ich.“ Irmelinde warf einen finsteren Blick auf den Roboter und überlegte, ob sie vielleicht einen Parameter vergessen haben konnte, der die Gedächtnisleistung steuerte. Misstrauisch blinzelte sie zu ihrer Freundin hinüber und wappnete sich gegen einen boshaften Kommentar.
Margitta antwortete aber nicht, sondern starrte gebannt in die Kristallkugel. Irmelinde rückte vor und kniff die Augen zusammen. „Wow“, flüsterte sie und befeuchtete ihre Lippen.
„Das kann man wohl sagen.“ Margitta schnappte hörbar nach Luft, als der blonde Riese in Hellis Küche seine Muskeln lockerte und die schmalen Hüften drehte. „Brustumfang 1,20″, hauchte sie.
„Mehr. Und nicht ein Gramm Fett.“ Irmelinde verfolgte fasziniert die eleganten Streckübungen von Hellis Traummann. „Den Typ hat sich bis heute noch keine gebacken. Der ist ja ziemlich gut bestückt.“
Margitta drückte ihre Brille dicht an die Augen und die Nase ans Glas. „Jetzt untersucht er Hellis Wäsche“, stellte sie fest. „He, wo will er denn hin?“
Irmelinde packte ihre Freundin am Arm und zog sie hoch. „Tut mir leid, die Show ist für dich vorbei. Ich muss jetzt kontrollieren, ob alles läuft wie vorgesehen.“ Sie überhörte Margittas fantasievollen Beschimpfungen, wich ihren kickenden Füßen aus und stieß die Freundin aus Kindertagen schnell und respektlos aus dem Haus. Aufatmend warf sie die Tür hinter ihr zu und lehnte sich dagegen. „Trottel“, schimpfte sie plötzlich, als sie wieder Luft bekam. „Jetzt hast du den Vergessenzauber vergessen.“ Aber Margitta konnte sowieso keinem Menschen von der pikanten Backmischung erzählen, ohne sich selbst als Hexe zu entlarven. Die nötigen Zaubersprüche kannte sie auch nicht. Es bestand also keine Gefahr, dass sie das Familienrezept im Hexenkreis verraten würde. Hellis heimliche Hexenlehre war da schon eher ein Problem.
Das leise Surren des Butlerbots, der mit der Kaffeekanne heranrollte und Irmelinde eine Tasse in die Hand drückte, riss sie aus ihren Gedanken. Sie teleportierte in ihr Arbeitszimmer und warf einen prüfenden Blick in die Kugel. „Nanu? Er sollte doch schon längst im Schlafzimmer sein. Was macht er denn da?“
Entsetzt beobachtete Irmelinde, wie ihr Schwiegerneffe aus dem nicht verbackenen Teig Dutzende kleiner Brötchen formte. Im Hintergrund klappte eine Tür und das Patschen nackter Füße auf Linoleum kündigte ihre Nichte an. Irmelinde schielte zur Küchentür. Helli stützte sich mit dem Ellenbogen auf die Klinke und knabberte an einer Haarsträhne. „Willst du nicht zu mir ins Bett kommen?“, fragte sie gekränkt.
Ihr Held lächelte strahlend und hielt ein frisch geformtes Brötchen hoch. „Wollen wir nicht lieber Kinder machen?“

Eine unscheinbare graue Gewürzdose, die schräg hinter der Kristallkugel auf einem losen Blatt Papier stand, lenkte Irmelindes Blick auf sich. Endlich fiel es ihr wieder ein: Sie hatte am frühen Morgen den Gewürzkoffer gepackt und die weiße Lilienwurzel vermisst. Mit der zweiten Seite des Rezeptes in der Hand – schließlich durfte sie nicht vergessen, wonach sie suchte – hatte sie sich zu guter Letzt im Arbeitszimmer auf die Suche gemacht und die Dose auf dem Schreibtisch zwischen uralten afrikanischen Souvenirs aufgestöbert. Dann hatte das Telefon geklingelt. Seufzend schaltete sie die Kugel auf Computermodus. Im Hexennet würde hoffentlich jemand wissen, wie sie das reparieren konnte.