Die Geschichte vom nie in die Irre gehenden Irrlicht Irrfred

Jedes Kind weiß, was ein Irrlicht ist: Es soll Wanderer mit seinem Licht vom richtigen Weg abbringen und in die Irre führen. Viele Leute glauben, Irrlichter seien die Seelen von Menschen, die sich an der gleichen Stelle verlaufen und nicht wieder zurückgefunden haben. Und für manche Leute ist das Irrlicht ein vom Himmel gefallener Stern, der den Weg nach Hause sucht. Aber genau weiß es niemand. Und die Irrlichter selbst verraten natürlich nichts.

Normale Irrlichter kennen ihren Irrweg. Sie laufen immer eine bestimmte Strecke, blinken und leuchten und warten darauf, dass ein dummer Mensch ihnen hinterherläuft. Irrlichter kennen also immer mehrere Wege: den richtigen (klar, sonst könnten sie ja niemand in die Irre führen), aber vor allem auch die Irrwege, die nicht an das gewünschte Ziel führen.
Aber – oh, weh! Irrlicht Irrfred kannte keine Irrwege! Er kannte nur richtige Wege. Das war ihm immer furchtbar peinlich, weil die anderen Irrlichter natürlich damit prahlten, wie viele Leute sie schon an der Nase herumgeführt hatten. Oh, wie schämte sich unser armer Irrfred dann! Er wäre doch so gerne auch ein wahres, echtes, irrlichterndes Irrlicht gewesen!

 

Eines Tages kam ein mächtiger Zauberer in Irrfreds Wald. Er hatte eine Karte in der Hand, aber es war schon stockdunkel. Darum konnte er sie nicht mehr lesen. „Oh, wei. Oh, wei“, sagte er und strich über seinen langen weißen Bart, der in der Düsternis richtig grau aussah. „Wie soll ich nur zum Mittelpunktschloss kommen, wenn ich die Karte gar nicht lesen kann?“
Man sollte jetzt eigentlich denken, dass ein mächtiger Zauberer sich doch ein Leselicht zaubern könnte, oder?
Stimmt. Normalerweise kann er das. Aber dieser Zauberer, der Große Konradus, war gerade furchtbar erkältet und nieste das Licht immer wieder aus. Das verbrauchte zu viel Energie, darum ließ er es lieber sein. Schließlich wollte er ja noch frisch und fröhlich seinen Weg beschreiten. Oder zumindest wollte er weiter vorwärtskommen, das mit dem Frisch und dem Fröhlich musste einfach warten bis nach der Erkältung.
Während er also seinen Bart strich, flackerten in seiner Nähe plötzlich zwei Irrlichter auf. Eines davon war natürlich Irrfred. Das andere war der Vorsitzende der Irrlichtergemeinschaft „Blink“, kurz IG Blink. Er grinste den armen Irrfred hämisch an und blinkte: „Das ist deine letzte Chance, ein echtes Irrlicht zu sein. Sonst lehnen wir deinen Antrag auf Mitgliedschaft einfach ab!“ Dann verschwand er und ließ Irrfred mit dem Großen Zauberer alleine.
Als ob ein Zauberer sich von einem Irrlicht verirrlichtern ließe, dachte Irrfred und hockte sich traurig auf einen großen Felsen.
Der Große Konradus wusste natürlich sofort, was in dem kleinen Irrfred vorging. Er setzte sich neben ihn und legte ihm kameradschaftlich den Arm um die Flamme. „Warum bist du denn so traurig?“, fragte er mitleidig.
„Weil ich keine Irrwege kenne. Ich kann die Leute immer nur auf den richtigen Weg führen.“ Irrfred schniefte leise.
„Ich verstehe. Kannst du denn nicht andere Irrlichter nach den Irrwegen fragen? Unter Kollegen hilft man sich doch aus!“
Irrfred starrte den Großen Konradus entsetzt an. „Ein Irrlicht fragt doch nicht nach dem Irrweg!“
„Das wäre in der Tat lächerlich“, stimmte der Große Konradus ihm zu. „Aber wenn du die richtigen Wege kennst, kennst du doch bestimmt den Weg zum Mittelpunktschloss?“
Irrfred nickte eifrig. Aber dann sackte er gleich wieder traurig in sich zusammen. „Ich darf dich nicht führen. Dann lehnt die IG Blink meinen Aufnahmeantrag ab.“ Jetzt schluchzte er laut.
„Hm, hm.“ Der Große Konradus nickte. „Das ist ein echtes Problem.“ Er kraulte seinen Bart. Und dann kraulte er ihn noch einmal. Und dann hatte er eine Idee: „Du bringst mich zum Mittelpunktschloss und ich schenke dir einen Zauber, der dir in Zukunft immer einen richtig irren Irrweg leuchtet. Einverstanden? Und die Sache mit der IG Blink kriegen wir hin.“ Er flüsterte Irrfred einen absolut irrwegigen Plan ins Ohr. Dann hielt er ihm die Hand hin und Irrfred schlug begeistert ein.
Fröhlich flackerte Irrfred dem Großen Konradus auf dem Weg zum Mittelpunktschloss voran. Als sie noch ungefähr fünfzig Meter geradeaus zu laufen hatten, sprang Irrfred hoch in Luft. Konradus zauberte unauffällig eine kleine weißgetünchte „1“ an den Baumstamm rechts am Weg. Natürlich konnte nur Konradus das sehen. Dann flitzte Irrfred wie irre kreuz und quer durch die Gegend. An jeder Wegbiegung hoppste er wieder hoch und Konradus zauberte eine weitere Zahl an die Bäume, die untereinander mit ebenfalls nur für Konradus sichtbaren weißen Linien verbunden waren.
Beide hatten einen Heidenspaß an der Irreführung, aber als Konradus die „33“ an einen dicken Baumstamm bei einer Lichtung zauberte, war er schon ziemlich außer Atem. Also hielt Irrfred inne und schlug noch einen Freudensalto. Konradus zog seine Karte aus der Tasche, zauberte eine Kopie davon und bestreute sie mit dem Mittelirrigen Irrwegzauber. Einmal pustete er darüber und reichte die Karte dann an Irrfred weiter. Der steckte sie blitzschnell ein, denn er hörte den Abgesandten der IG Blink hinter dem Gebüsch heranknistern.
Konradus zwinkerte Irrfred noch einmal zu und rief dann böse: „Oh, du hinterlistiges Irrlicht, was hast du getan? In die Irre hast du mich geführt! Wie soll ich denn zum Donnerblitzundirrlichtwetter hier jemals wieder herausfinden?“ Er drehte um und sah gerade noch, wie das zweite Irrlicht Irrfred eine feuerfeste Mitgliedskarte zwischen die Flammen heftete und mit ihm verschwand.
„Tja“, murmelte Konradus vergnügt. „Dann will ich mal wieder zurückgehen.“ Ruhig und bedächtig schritt er den Weg ab, den er mit den Zahlen markiert hatte und löschte im Vorübergehen alle Markierungen wieder aus. Dann spazierte er seelenruhig hinunter zum Mittelpunktschloss.

 

in: Joshuas Märchenreich
Gebundene Ausgabe: 174 Seiten
Verlag: Masou-Verlag (2016)