7 Todsünden

Alles in Ordnung bei Igor

 

Britta Heinrichs (Hrsg.)
Die sieben Todsünden
Books on Demand, April 2015
ISBN 978-3-7347-7095-1

Der Erlös aus dieser Anthologie kommt einer Familie aus Holzminden zugute. Einer ihrer vier Söhne ist an Muskeldystrophie erkrankt. Alle AutorInnen und GrafikerInnen haben ihre Beiträge deshalb ohne Honorar zur Verfügung gestellt.


Den ersten Tag nach seiner Entlassung begann Igor wie jeden anderen seiner früheren Arbeitstage: Er schlug dem Wecker das penetrante Klingeln aus der Glocke (die Zahl der Wecker, die er mit dieser wischenden Bewegung zerschlagen hatte, konnte er sich kaum merken), drehte sich auf den Rücken und schwelgte in der Erinnerung an das köstliche Abendmahl, das er am Vortag bei seiner Mutter genossen hatte.

Das fette Brathuhn im mit Mandeln verzierten Knusperhäutchen tänzelte erneut auf seiner Zunge und schwang die Beinchen zu einem Cancan, den der süßliche Rotwein spielte. Wein und Huhn und hast du noch gesehen wälzten über seine Zungenknospen, in den Magen hinab und wieder hinauf und wieder hinunter.

Ein breites Lächeln lag auf Igors Lippen, während er sich aus der Decke wickelte und die Füße auf den flauschigen Flokati stellte. Mit der Rechten tastete er nach der Tafel zartbitterer Schokolade, die er dort vor dem Schlafengehen neben den jetzt verbittert schweigenden Wecker gelegt hatte. Igor stutzte und saß einen kurzen Moment einfach nur so auf dem Bettrand, den Blick ins Leere gerichtet. Dann erinnerte er sich an den Geschmack von dunkler Schokolade in der Nacht. Es war auch gar nicht so ungewöhnlich, dass er seinen Morgensnack schon in der Nacht verschlang, und im Übrigen war der Orangensaft auch alle. Er zuckte die Schultern und stand auf. …

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Die Geschichten wurden übrigens am 24. April 2015 auf dem Leverkusener Lesefestival szenisch vorgetragen:

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Artikel zu den Todsünden

3 Gedanken zu „Alles in Ordnung bei Igor“

  1. Hallo Susanne!

    Die Idee für diese Anthologie finde ich toll, sehr ehrenhaft! Und der Anfang deiner Geschichte gefällt mir…. Igor, da denke ich sofort an Glöckner von Notre Dame. :-)

    Liebe Grüße, Nicole

    1. Danke :)
      Wenn man bedenkt, dass es mit einer ganz harmlosen Frage in einer Facebook-Gruppe angefangen hat …

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