Das verliebte Gespenst – Märchen

Vor langer, langer Zeit lebte auf dem Schloss Hoherburggraben die Prinzessin Johanna. Sie hatte ganz lange, dunkelbraune Haare, die sie jeden Abend gründlich ausbürstete und am nächsten Morgen zu einem dicken Zopf flocht. Johannas Haare waren so lang und dick, dass sie die spitze, hohe Haube gar nicht mehr aufsetzen konnte, weil die immer wieder herunterfiel. Aber weil Johanna selten ausging und auch nur wenig Besuch bekam, war ihr das ziemlich egal.

Johanna war sowieso eine ganz besondere Prinzessin. Andere Prinzessinnen und Edeldamen stickten und webten, und manchmal stichelten sie auch, weil sie nichts wirklich Gescheites zu tun hatten. Sie saßen mit kleinen Handarbeiten vor ihren Burgen, ließen sich von Rittern bewundern und lästerten bei jedem Treffen über die gute Johanna. Die Leute in den Dörfern schüttelten nur die Köpfe über die verwöhnte und verzogene Bande, die sie allesamt für Faulenzer hielten. Ein kluger Mensch nutzt seinen Verstand lieber für sinnvolle Sachen, sagten sie. So wie Prinzessin Johanna.

Die meisten Ritter aber mochten lieber dumme Frauen, die um ihre Aufmerksamkeit zankten und darüber gar nicht merkten, dass die Ritter selbst nicht viel im Hirn hatten. Deshalb hatte Johanna auch keine Lust, sich mit den anderen Schlossbesitzern zu treffen. Sie lebte lieber zurückgezogen mit ihren Dienern auf dem Schloss, übte Bogenschießen, lernte Ackerwirtschaft und streifte durch die Felder und Wälder, die ihr gehörten.

Eines Abends entdeckte Johanna, dass jemand eine wunderschöne, dunkelrote Rose zwischen die Borsten ihrer Haarbürste geschoben hatte. Die Rose duftete wie ein ganzer Rosengarten, und genau daher stammte sie auch: Aus den Rosengärten hinter Schloss Hoherburggraben. Es war eine Hoherburggrabensche Spezialzüchtung, die es in dieser Farbe und mit diesem Duft nur ein einziges Mal gab.

»Na«, dachte Johanna, »das ist eine nette Geste. Trotzdem ist es nicht richtig, wenn jemand ohne zu fragen meine Rosen pflückt. Ich glaube, ich muss das morgen einmal klären.« Mit diesem Gedanken legte sie sich zu Bett und schlief ganz schnell ein.

Was glaubst du wohl, wie überrascht sie war, als beim Aufwachen ihr ganzes Bett mit Rosen bedeckt war! Das roch so wunderbar und sah so wunderschön aus, dass es fast gar nichts mehr ausmachte, dass die Dornen die gute Johanna in den Po piekten.

Aber weder ihre Kammerfrau, die beim Ablick der vielen Blüten staunend in der Tür stehen blieb und den Mund den ganzen Tag lang nicht mehr zubekam, noch die anderen Bediensteten wussten etwas über das Rosenmeer in Johannas Bett. Also befahl sie, dass sich in der folgenden Nacht einer der Diener vor ihrem Zimmer auf die Lauer legen sollte.

Doch das sollte nicht das einzige Wunder bleiben, das Johanna an diesem Morgen erlebte. Der Weg zum Frühstückszimmer führte an der Galerie mit den Gemälden der Eigentümer von Schloss Hoherburggraben entlang. Und was musste Johanna da sehen?

Da hatte doch tatsächlich jemand ganz viele kleine und große und mittelgroße, knallrote und zartrosa Herzchen auf das Bild von Johanna gemalt!

Natürlich wussten die kichernden Diener auch in diesem Fall von nichts – und wenn sie etwas gewusst hätten, hätten sie bestimmt nichts verraten, denn da muss doch jemand die Johanna ganz doll lieb gehabt haben. Den würde doch niemand einfach so verraten? Oder?

Johanna war trotzdem ziemlich sauer. Erst plünderte jemand ihren Rosengarten und jetzt war das einzige schöne Bild von ihr, das sie selbst leiden mochte, einfach vollgepinselt worden. Sie beschloss, sich nach dem Frühstück selbst auf die Suche nach dem Spaßvogel zu machen und marschierte entschlossen in den Frühstücksraum.

Dort setzte sie sich auf den Stuhl am Frühstückstisch und streckte die Hand nach der Kaffeekanne aus. Aber bevor Johanna zugreifen konnte, schwebte die Kanne von alleine hoch, füllte die Tasse und stellte sich wieder auf den Tisch. Das Buttermesser fuhr in die Butter und bebutterte Johannas Brötchen, der kleine Löffel aus dem Honigtopf sprenkelte Honig darüber, und dann sagte jemand leise: »Huuhuu«, und Johanna bekam einen Kuss direkt auf die Nase.

Das war sogar für die mutige Johanna zu viel. Sie ist einfach in Ohnmacht gefallen und erst wieder aufgewacht, als ihre Kammerfrau das Honigbrötchen aus ihren Haaren zerrte.

Nun ertönte ein lautes »Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu« direkt vor der Zimmertür. »Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu, ich hab’s verhauen! Dabei habe ich sie doch so liiiiiiiiiihiiiiiieb. Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu!«

Johanna riss natürlich sofort die Tür auf, aber sehen konnte sie niemand. Das herzzerreißende »Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu«-Schluchzen entfernte sich und schallte über die Stiegen, bis es nur noch gedämpft hinter der Speichertür zu hören war. Merkwürdig war nur, das man niemand sehen konnte!

Aber Johanna war ja nun mal gar nicht dumm und holte sich einen großen Sack Mehl aus der Küche. Dann schlich sie auf den Speicher, riss den Sack auf und schleuderte das Mehl in die Richtung, aus der das Jammern erklang. Und es klappte. Johanna entdeckte …

… den hübschesten junge Gespenstermann, den sie jemals gesehen hatte. Sie hatte zwar noch nicht viele Gespenstermänner gesehen, aber im Vergleich zu den dummen Rittern, die manchmal ihre Helme von den hässlichen Köpfen zogen, war das ein wirklich sehr hübscher Gespenstermann. Als er merkte, dass Johanna ihn ansah, scharrte er ganz verlegen mit dem Fuß in dem Mehl um ihn herum.

»Entschuldigung«, murmelte er. »Ich wollte dich doch nicht erschrecken.«

Da ließ ein scharfer Windzug Johannas Röcke flattern.

»Du lieber Geist! Sebastian! Ich habe dir doch schon millionenmal gesagt, dass du die Menschenfrau in Ruhe lassen sollst!«, zeterte eine weibliche Stimme. »Ein Geist und ein Mensch – wer hat je gehört, dass das gut geht?«

»Es hat aber auch noch keiner gehört, dass es nicht gut geht«, antwortete der junge Gespenstermann trotzig.

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte die körperlose Stimme jetzt zu Johanna. »Aber er hat sich Hals über Kopf in Sie verliebt, und ich weiß überhaupt nicht, was wir tun sollen. Mein armer Junge!« Eine unsichtbare Hand streichelte dem jungen Gespenstermann das Mehl von den Locken.

Der junge Sebastian gefiel Johanna eigentlich ganz gut. Und der Kuss auf die Nase hatte ihr auch ganz gut gefallen. Ein bisschen verlegen wurde sie schon, als sie dem netten Gespenstermann das sagte – aber ein bisschen verlegen sind Verliebte ja meistens, wenn sie sich zum ersten Mal sagen, dass sie sich lieb haben.

Johanna wollte auch gerne mit Sebastian auf Schloss Hoherburggraben leben. Und sie wäre nicht Johanna gewesen, wenn ihr nicht eine Lösung eingefallen wäre: Sebastian würde eine eigene Wanne bekommen, in die immer genug Mehl eingefüllt werden sollte. So konnte er sichtbar sein, wann immer er es wollte. Und natürlich war auch die Gespensterschwiegermutter zu jeder Zeit willkommen.

Und so, wie Johanna es wünschte, geschah es. Sebastian zog mit seinem Gespenstersack und Gespensterpack zu Johanna in die unteren Stockwerke, während seine Gespenstermutter weiterhin auf dem Speicher für den nötigen Spuk sorgte. Sebastian entpuppte sich schnell als höflicher und kluger Mitbewohner, den auch die Dienerschaft schnell von Herzen gern hatte.

Und Johanna war sehr glücklich, den besten Gespenstermann zu haben, den sie sich nur wünschen konnte.