Bo ist out. Es lebe Bo!

„Wir machen dieses Jahr keine Weihnachtsfeier“, sagte mein letzter Chef. Ob ich statt dessen lieber einen Kinogutschein möchte? Ich hätte ja ein Kind, da würde das ganz gut passen. Auf die Idee, dass ich den Gutschein auch wunderbar und liebend gerne alleine beziehungsweise in erwachsener Begleitung verprassen könnte, kam er gar nicht. Aber gut, er hatte mich ja auch ganz erstaunt gefragt, warum ich seine Geschenke nicht hübsch einpacken könne. Bei einer Frau sei ein solches Talent doch systemimmanent.

Wann war ich eigentlich das letzte Mal im Kino gewesen? Meine Tochter wurde im Jahr nach dieser Nicht-Weihnachtsfeier sechs, vorher lief nicht viel. Entweder hatten die letzten alten Freunde gerade dann keine Zeit, wie sie behaupteten („Wie? Du willst ins Kino? Abends? Hast du denn überhaupt jemand für das Kind?“), oder der Babysitter rechnete sich nicht zur Kinokarte oder er sagte pünktlich 24 Stunden vor dem geplanten Einsatz ab.

Wenn ich also sage, dass meine liebsten aktuellen Erinnerungen die Filme Maeverik (drei Mal? – Nein, ich glaube, vier Mal), Das Wunderkind Tate, When a man loves a woman, Viel Lärm um nichts (in Übersetzung 3x und im Original 4x) und – ach, ja – Der Club der Toten Dichter (sieben Mal!) sind, dann dürfen Sie 1x am Zeitablauf herumrechnen.

Dass ich so selten ins Kino gegangen bin, liegt aber keinesfalls nur daran, dass man sich als Mutter (und dazu noch allein erziehende eben solche) gefälligst nicht einfach in der Gegend herumzuamüsieren hatte.

Abgesehen von Good Morning, Vietnam und Der Club der Toten Dichter waren alle meine Lieblingsfilme große Frauenfilme: Maeverick wäre ohne Jodie Foster nur halb so schön gewesen. Die Troerinnen waren ein reiner Frauenfilm mit großen Namen und wunderbaren Charakteren. Dead Man Walking ohne Susan Sarandon? Unvorstellbar. Middler, Streep, Hepburn, Diane Keaton. Die Charakterdarstellerinnen der „kleinen“ französischen Filme und vieler Nebenrollen, die ich heute vergessen habe – wo sind sie eigentlich alle? Hallo, Houston, ihr habt da anscheinend ein Problem …

Im Hollywood der Jahrtausendwende sind Schauspielerinnen wie Houston, Keaton, Foster, Streep die absoluten Ausnahmeerscheinungen geworden. Charaktere mit Ecken und Kanten – Figuren aus dem wirklichen Leben (erinnert sich eigentlich noch jemand an Kramer gegen Kramer?) – wurden verdrängt von glatten Schönheiten, bei denen niemand mehr nach standing ovations im Publikum verlangt, sondern nur noch nach standing erections. Harmlos langweilige Teenie-Farcen, immer öfter mit einer sogenannten Paris Hilton (bei der man nie weiß, ob sie selbst spielt oder ein Bettgeselle gleichen Namens, der vielleicht auch nur sie selbst ist – also der Gipfel des Narzissmus) reihen sich nahtlos ein in die Tragomödien kulleräugiger, melonenbusiger hüftschwingender, am Ende für ihren Prinzen den Beruf opfernder Latino-Blondinen, bei denen dieser Satz die Lesekompetenz überschreiten würde.

Immer hübsch, immer jung, immer – … genau. Und falls es mal der einen oder anderen nicht gefallen sollte und sie darob die Nase rümpfen oder die Denkerstirn runzeln möchte, so hat die Schönheitsidealsindustrie auch dem schon geschickt den Riegel vorgeschoben. Vom Mienenspiel zum Faltenschachmatt – sic transit gloria Hollywoodmundi. Von Bo Derek zu Bo Tox.

Am Ende war ich dann – erwartungsgemäß – zusammen mit meiner Tochter im Kino. Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen. Und was sehe ich? Da spielen eine herrlich selbstironische Katja Riemann, die immer noch bildschöne Monica Bleibtreu, die herrlich eckige Nina Petri und eine in ihrer Spielfreude überwältigende Corinna Harfouch – also nach überseeischen Kriterien eine Horde Uralte Morlas. Nach meinen Kriterien aber leidenschaftliche Schauspielerinnen, die in ihren (altersgerechten) Rollen völlig aufgehen und mich als Zuschauerin mitreißen. Mich meine Umgebung und die Zeit vergessen lassen. Zwei Stunden Kintopp at its best.

Und genau das macht einen guten Film aus.