Lektorieren Sie für mich?

Eine beliebte Frage an jede_n, der oder die sich wie ich als Lektor_in bezeichnet, lautet: Ich bin Autor_in. Lektorieren Sie mein Buch?

Äh – nein!

Wenn Sie einen Punkt erreicht haben, an dem Sie Ihren Text von kritischen Blicken geröntgt sehen möchten, empfehle ich die kostenlosen Foren im Internet. Hier finden Sie jede Menge kompetente Kolleginnen und Kollegen, die Ihnen (auch unter vier Augen) die nötige Hilfe geben.

Haben Sie schon einen Verlag für die Geschichte? Dann klopfen Sie sich auf die Schulter, lehnen Sie sich entspannt zurück und lassen Sie den Verlag die kostenträchtige Arbeit erledigen. So gehört sich das nämlich: Die Kosten der Buchwerdung trägt der Verlag.

Oder haben Sie einen Verlag, der Ihnen mehr oder weniger diskret anrät, das Werk von einer freien Lektorin lesen zu lassen? Dann klären Sie als erstes die Kostenfrage. Wenn der Verlag die Kosten dafür trägt, immer her mit dem Manuskript. Sollten die Kosten an Ihnen hängen bleiben, empfehle ich die kostenlosen Foren im Internet. Hier finden Sie jede Menge kompetente Kolleginnen und Kollegen, die Ihnen (auch unter vier Augen) die nötige Hilfe geben … aber das hatten wir ja schon.

Wenn Sie wiederum zu den AutorInnen gehören, die seit Jahren alle Verlage anschreiben und jedes Mal einen Korb bekommen, dann ist auch das noch lange kein Grund, sich privat eine Lektorin zu suchen.

Lektorieren kostet meine Zeit und damit ihr Geld. Wenn Ihnen also nicht klar sein sollte, was auf Sie zukommen kann, verdeutlicht folgende Übung vielleicht, was ich meine:

Legen Sie eine weiche Unterlagen auf den Fußboden. Diese Unterlage sollte möglichst die gleiche Länge wie Sie selbst haben. Stellen Sie sich an ein Ende und sorgen Sie für ein weiches Kopfkissen auf der anderen Seite.

Im zweiten Schritt rechnen Sie einmal die üblichen Lektoratsgebühren auf Ihr Manuskript um. Die Daten dazu finden Sie z. b. auf der Seite von ver.di.

Stehen Sie noch oder liegen Sie schon?

Selbst wenn ich ganz großzügig und gegen jede Wirtschaftlichkeit nur einen Euro pro Seite berechnen würde, dann wären das bei einem 500-Seiten-Manuskript eben immer noch 500 Euro. Und das Geld garantiert Ihnen noch lange nicht, dass Ihr Buch auch in einem Verlag erscheinen würde.

Also melden Sie sich besser in den Autoren-Foren an. Vielleicht entdecken Sie ja ein ganz neues Genre für sich, das perfekt zu Ihnen passt, und alles wuppt plötzlich wie von selbst. Geht vielen so, mir auch.

Wenn Sie allerdings Besitzer mehrerer Millionen Euros, Aktien, Goldbatzen oder ähnlicher Wertstücke sein sollten und gerade nicht wissen, wohin mit dem Geld, vergessen Sie bitte alles zuvor Gelesene und schicken Sie mir unverzüglich Ihr Manuskript unter Beifügung einer beglaubigten Bankbescheinigung.

Nach-Gedanke:
Seit ich die Überlegungen zum Lektorat geschrieben habe, ist nicht nur sehr viel Zeit verstrichen, auch die Verlagslandschaft ändert sich mehr und mehr. Im Großen und Ganzen gilt das, was ich oben sage, immer noch. Wenn Sie aber gerne selbst veröffentlichen wollen, dann bleiben die Kosten für eine ordentliche Aufarbeitung des Manuskripts in der Tat an Ihnen hängen. Dazu gehört ein kompetentes Lektorat, ein anschließendes Korrektorat (Sie wollen gar nicht wissen, wie viele Fehler man auch nach Monaten oder Jahren noch in seinen Texten findet) und die Aufbereitung für den Drucksatz (Druckdatei oder Vorlage für das e-Book). Bei der Überlegung, ob sich die Investition lohnt, könnte die obige Übung nach wie vor ganz hilfreich sein.

 

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