Funkenmariechenmärchen

Es war einmal ein kleines Mädchen namens Mariechen, das hatte schreckliche Angst vor dem Silvesterlärm. Alles, was zischte und rummste und knallte, erschreckte sie ganz furchtbar. Es nütze auch nichts, wenn ihr Vater ihr immer wieder erzählte, dass der Lärm zu Silvester ganz wichtig war, damit das alte Jahr auch wirklich ging und nicht einfach wieder zurückkam. Sonst hätte es dem neuen Jahr ja den ganzen Platz weggenommen!

Mariechen ließ sich einfach nicht beruhigen. Nicht einmal das Funkeln der bunten Lichter machte ihr Spaß. Sie zog lieber die Bettdecke über die Ohren und kniff ganz fest die Augen zu. Sie konnte ja nicht ahnen, dass die bunten Funken etwas ganz Besonders waren. Das war nämlich ein Funkengeheimnis, von dem auch ihr Vater nichts wusste.

Jedes Jahr, wenn die bunten Funken an Mariechens Kinderzimmer vorbeiflogen und durch das Fenster schauten, sahen sie den kleinen Bettdeckenhügel auf Mariechens Bett, unter dem das verängstigte Kind sich versteckte. Sie hatten Mitleid mit Mariechen und wollten ihr eine Freude machen. Blitzschnell zwitschten sie durch einen Ritz im Fensterrahmen und tanzten über der Bettdecke.

Mariechen hörte das leise Summen und Singen sogar bis unter die Decke, obwohl sie sich diese doch weit über die Ohren gezogen hatte. Mit angehaltenem Atem lauschte sie. Das war ja eine richtige Melodie! Vorsichtig lugte sie unter der Decke hervor und sah blaue, rote, grüne, goldene, silberne und weiße Funken über ihrem Bett tanzen. Sie staunte so sehr, dass sie ihre Angst ganz vergaß und sich aufsetzte.

Ein übermütiger blauer Funke setzte sich auf Mariechens Nasenspitze und kitzelte sie, bis sie laut lachte. Vergnügt schlug der kleine Funke einen Salto und schwebte vor Mariechen. »Guten Abend, Mariechen. Endlich lernen wir uns kennen! Meine Funkenfreunde kommen ja jedes Jahr auf die Erde. Dann reisen wir um die ganze Welt und tauschen unser Wissen aus. Das macht viel Spaß! Fast so viel wie die Funkenweinfeiertage, die wir immer dazwischen schieben. Willst du wissen, woher alle kommen?«

Mariechen nickte aufgeregt. Sie strahlte vor Freude.

Die Funken verbeugten sich nun nacheinander vor ihr. »Liebes Mariechen«, sprach ein grüner Funke. »Ich bin in dieser Nacht auf dem Weg in meine Heimat. Die liegt auf dem Planeten Uranus und ist ganz, ganz weit weg. Aber nicht so weit, als wenn du zum Neptun oder Pluto fliegst.«

Die roten Funken tanzten auf und ab und sangen: »Wir fliegen zum Mars. Auf dem roten Planeten sind wir zu Hause.«

Die silbernen Funken wollten zurück auf den Mond, die goldenen waren auf dem Weg zur Sonne und die weißen Funken überlegten, ob sie in diesem Jahr zur Venus fliegen oder doch lieber Pluto Gesellschaft leisten wollten.

Mariechen hatte ihre Angst inzwischen ganz vergessen. Mit offenem Mund bewunderte sie die kleinen Funken, die so fröhlich um sie herumschwirrten. »Und du?«, fragte sie den blauen Funken. »Wohin fliegst du?«

»Oh, ich gehöre zum blauen Planeten. Weißt du, wo das ist?«

Mariechen klatschte vergnügt in die Hände und lachte. »Klar, weiß ich das! Das ist die Erde. Und wir wohnen da.«

»Genau.« Der blaue Funke blinzelte ihr zu. »Jedes Jahr zu Silvester, wenn unsere Funkengäste wieder nach Hause fliegen, verstecken wir blauen Funken sie in den Böllern und dafür schenken sie den Menschen nach dem Abschuss die schönsten Funkenflüge.«

Ein weißer Funke zupfte am Funkenkleid des blauen Funken. »Wir müssen jetzt los, unser Böller geht gleich. Auf Wiedersehen, Mariechen. Wenn du möchtest, schicke ich dir nächstes Jahr meine Schwester zu Besuch.«

»Oh ja!« Mariechen kletterte eilig aus dem Bett und öffnete das Fenster, damit ihre neuen Freunde unversehrt auf die Reise gehen konnten.

»Und ich besuche dich bald wieder. Großes Funkenehrenwort«, flüsterte der blaue Funke ihr noch ins Ohr. »Und dann erzähle ich dir mehr über die Planeten und Sonnen und Monde im Weltall.«

Und die Funken hielten ihr Versprechen. Jedes Jahr besuchten sie Mariechen, wenn sie in ihrer Nähe starteten, und erzählten ihr von ihren Abenteuern und dem Leben auf ihren eigenen Planeten.

Seitdem freute Mariechen sich immer auf den Silvesterabend.

Das verliebte Gespenst – Märchen

Vor langer, langer Zeit lebte auf dem Schloss Hoherburggraben die Prinzessin Johanna. Sie hatte ganz lange, dunkelbraune Haare, die sie jeden Abend gründlich ausbürstete und am nächsten Morgen zu einem dicken Zopf flocht. Johannas Haare waren so lang und dick, dass sie die spitze, hohe Haube gar nicht mehr aufsetzen konnte, weil die immer wieder herunterfiel. Aber weil Johanna selten ausging und auch nur wenig Besuch bekam, war ihr das ziemlich egal.

Johanna war sowieso eine ganz besondere Prinzessin. Andere Prinzessinnen und Edeldamen stickten und webten, und manchmal stichelten sie auch, weil sie nichts wirklich Gescheites zu tun hatten. Sie saßen mit kleinen Handarbeiten vor ihren Burgen, ließen sich von Rittern bewundern und lästerten bei jedem Treffen über die gute Johanna. Die Leute in den Dörfern schüttelten nur die Köpfe über die verwöhnte und verzogene Bande, die sie allesamt für Faulenzer hielten. Ein kluger Mensch nutzt seinen Verstand lieber für sinnvolle Sachen, sagten sie. So wie Prinzessin Johanna.

Die meisten Ritter aber mochten lieber dumme Frauen, die um ihre Aufmerksamkeit zankten und darüber gar nicht merkten, dass die Ritter selbst nicht viel im Hirn hatten. Deshalb hatte Johanna auch keine Lust, sich mit den anderen Schlossbesitzern zu treffen. Sie lebte lieber zurückgezogen mit ihren Dienern auf dem Schloss, übte Bogenschießen, lernte Ackerwirtschaft und streifte durch die Felder und Wälder, die ihr gehörten.

Eines Abends entdeckte Johanna, dass jemand eine wunderschöne, dunkelrote Rose zwischen die Borsten ihrer Haarbürste geschoben hatte. Die Rose duftete wie ein ganzer Rosengarten, und genau daher stammte sie auch: Aus den Rosengärten hinter Schloss Hoherburggraben. Es war eine Hoherburggrabensche Spezialzüchtung, die es in dieser Farbe und mit diesem Duft nur ein einziges Mal gab.

»Na«, dachte Johanna, »das ist eine nette Geste. Trotzdem ist es nicht richtig, wenn jemand ohne zu fragen meine Rosen pflückt. Ich glaube, ich muss das morgen einmal klären.« Mit diesem Gedanken legte sie sich zu Bett und schlief ganz schnell ein.

Was glaubst du wohl, wie überrascht sie war, als beim Aufwachen ihr ganzes Bett mit Rosen bedeckt war! Das roch so wunderbar und sah so wunderschön aus, dass es fast gar nichts mehr ausmachte, dass die Dornen die gute Johanna in den Po piekten.

Aber weder ihre Kammerfrau, die beim Ablick der vielen Blüten staunend in der Tür stehen blieb und den Mund den ganzen Tag lang nicht mehr zubekam, noch die anderen Bediensteten wussten etwas über das Rosenmeer in Johannas Bett. Also befahl sie, dass sich in der folgenden Nacht einer der Diener vor ihrem Zimmer auf die Lauer legen sollte.

Doch das sollte nicht das einzige Wunder bleiben, das Johanna an diesem Morgen erlebte. Der Weg zum Frühstückszimmer führte an der Galerie mit den Gemälden der Eigentümer von Schloss Hoherburggraben entlang. Und was musste Johanna da sehen?

Da hatte doch tatsächlich jemand ganz viele kleine und große und mittelgroße, knallrote und zartrosa Herzchen auf das Bild von Johanna gemalt!

Natürlich wussten die kichernden Diener auch in diesem Fall von nichts – und wenn sie etwas gewusst hätten, hätten sie bestimmt nichts verraten, denn da muss doch jemand die Johanna ganz doll lieb gehabt haben. Den würde doch niemand einfach so verraten? Oder?

Johanna war trotzdem ziemlich sauer. Erst plünderte jemand ihren Rosengarten und jetzt war das einzige schöne Bild von ihr, das sie selbst leiden mochte, einfach vollgepinselt worden. Sie beschloss, sich nach dem Frühstück selbst auf die Suche nach dem Spaßvogel zu machen und marschierte entschlossen in den Frühstücksraum.

Dort setzte sie sich auf den Stuhl am Frühstückstisch und streckte die Hand nach der Kaffeekanne aus. Aber bevor Johanna zugreifen konnte, schwebte die Kanne von alleine hoch, füllte die Tasse und stellte sich wieder auf den Tisch. Das Buttermesser fuhr in die Butter und bebutterte Johannas Brötchen, der kleine Löffel aus dem Honigtopf sprenkelte Honig darüber, und dann sagte jemand leise: »Huuhuu«, und Johanna bekam einen Kuss direkt auf die Nase.

Das war sogar für die mutige Johanna zu viel. Sie ist einfach in Ohnmacht gefallen und erst wieder aufgewacht, als ihre Kammerfrau das Honigbrötchen aus ihren Haaren zerrte.

Nun ertönte ein lautes »Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu« direkt vor der Zimmertür. »Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu, ich hab’s verhauen! Dabei habe ich sie doch so liiiiiiiiiihiiiiiieb. Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu!«

Johanna riss natürlich sofort die Tür auf, aber sehen konnte sie niemand. Das herzzerreißende »Huuuuuuuuuhuuuuuuuuhuuuuuuuu«-Schluchzen entfernte sich und schallte über die Stiegen, bis es nur noch gedämpft hinter der Speichertür zu hören war. Merkwürdig war nur, das man niemand sehen konnte!

Aber Johanna war ja nun mal gar nicht dumm und holte sich einen großen Sack Mehl aus der Küche. Dann schlich sie auf den Speicher, riss den Sack auf und schleuderte das Mehl in die Richtung, aus der das Jammern erklang. Und es klappte. Johanna entdeckte …

… den hübschesten junge Gespenstermann, den sie jemals gesehen hatte. Sie hatte zwar noch nicht viele Gespenstermänner gesehen, aber im Vergleich zu den dummen Rittern, die manchmal ihre Helme von den hässlichen Köpfen zogen, war das ein wirklich sehr hübscher Gespenstermann. Als er merkte, dass Johanna ihn ansah, scharrte er ganz verlegen mit dem Fuß in dem Mehl um ihn herum.

»Entschuldigung«, murmelte er. »Ich wollte dich doch nicht erschrecken.«

Da ließ ein scharfer Windzug Johannas Röcke flattern.

»Du lieber Geist! Sebastian! Ich habe dir doch schon millionenmal gesagt, dass du die Menschenfrau in Ruhe lassen sollst!«, zeterte eine weibliche Stimme. »Ein Geist und ein Mensch – wer hat je gehört, dass das gut geht?«

»Es hat aber auch noch keiner gehört, dass es nicht gut geht«, antwortete der junge Gespenstermann trotzig.

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte die körperlose Stimme jetzt zu Johanna. »Aber er hat sich Hals über Kopf in Sie verliebt, und ich weiß überhaupt nicht, was wir tun sollen. Mein armer Junge!« Eine unsichtbare Hand streichelte dem jungen Gespenstermann das Mehl von den Locken.

Der junge Sebastian gefiel Johanna eigentlich ganz gut. Und der Kuss auf die Nase hatte ihr auch ganz gut gefallen. Ein bisschen verlegen wurde sie schon, als sie dem netten Gespenstermann das sagte – aber ein bisschen verlegen sind Verliebte ja meistens, wenn sie sich zum ersten Mal sagen, dass sie sich lieb haben.

Johanna wollte auch gerne mit Sebastian auf Schloss Hoherburggraben leben. Und sie wäre nicht Johanna gewesen, wenn ihr nicht eine Lösung eingefallen wäre: Sebastian würde eine eigene Wanne bekommen, in die immer genug Mehl eingefüllt werden sollte. So konnte er sichtbar sein, wann immer er es wollte. Und natürlich war auch die Gespensterschwiegermutter zu jeder Zeit willkommen.

Und so, wie Johanna es wünschte, geschah es. Sebastian zog mit seinem Gespenstersack und Gespensterpack zu Johanna in die unteren Stockwerke, während seine Gespenstermutter weiterhin auf dem Speicher für den nötigen Spuk sorgte. Sebastian entpuppte sich schnell als höflicher und kluger Mitbewohner, den auch die Dienerschaft schnell von Herzen gern hatte.

Und Johanna war sehr glücklich, den besten Gespenstermann zu haben, den sie sich nur wünschen konnte.

Ein total verkorkster Schultag

Lotte und Jan haben sich ja gerade mit ihren Woppeldörtern vorgestellt. Kaum zu glauben, dass so aufgeweckte Kinder Probleme in der Schule haben könnten, oder? Und dann noch in der Grundschule, wo alle Kinder ihre Lehrerin noch heiß und innig lieben (heißt es) und es keinerlei Probleme gibt (heißt es) – es sei denn, ein paar durchgeknallte Eltern schaffen sich selbst welche (heißt es) ….

Der folgende „Brief“ von Lotte, die schon in der dritten Klasse ist und nach den Sommerferien wieder eins raufrutscht, spricht da eine andere Sprache. „Ein total verkorkster Schultag“ weiterlesen

Ein Wort zu Lotte und Jan und Manuela und Mirko

Lotte und Jan sind Zwillinge. Sie leben mit ihren Eltern in irgendeiner uns bekannten Stadt (es könnte in eurer sein, oder meiner oder irgendeiner anderen) etwas außerhalb in einer nicht sehr langen Straße mit dem schönen Namen „Fuchsversteck“. Nachbarn haben sie natürlich auch, vor allem die Familie Berger mit dem Swimmingpool auf einem riesigen Grundstück, deren Kinder nicht mal schwimmen können und Lotte und Jan tierisch auf die Nerven gehen. Rund um die Häuser schließt sich ein Naturschutzgebiet an, Wald, Felder, Wiesen – die Kinder leben in der Natur, haben es aber nicht weit zum Stadtzentrum. Siehst du, es könnte jede Stadt sein … „Ein Wort zu Lotte und Jan und Manuela und Mirko“ weiterlesen

Der indianische Koch

Was wir heute erlebt haben, das glaubst du nie, fürchte ich! Sollen wir es trotzdem erzählen? Ich weiß aber noch gar nicht so richtig, wo ich eigentlich anfangen soll …

Also – wir beide mögen am liebsten Kartoffelchips vom Supermarkt, die sind so schön scharf. Mama ist natürlich dagegen. Sie sagt, dass die Dinger sehr ungesund sind und dick machen. Sie kauft sie auch nur ganz selten, meistens dann, wenn Besuch kommt. „Der indianische Koch“ weiterlesen

Ein (Nach)-Wort zu Lotte und Jan – bevor es mit den Geschichten weitergeht

Am 5. Mai 2014 habe ich mich mit Petra Hartmann geeinigt, dass wir mit unseren Anteilen an diesem Projekt ab sofort getrennte Wege gehen.

Lotte und Jan führen damit ab heute offiziell ein neues Leben auf diesem Blog und sobald ich Petras Anteile herausgeschrieben habe, „Ein (Nach)-Wort zu Lotte und Jan – bevor es mit den Geschichten weitergeht“ weiterlesen