Von Weihnachtsfeiern, faulen Lebensgefährten und Julklappfreuden

Also, wenn Sie mich fragen: Ich kann diesen ganzen Rummel nicht ausstehen. Im September tauchen die ersten Lebkuchen in den Geschäften auf, und unsere Firma hatte es in diesem Jahr sogar geschafft, den Weihnachtsmann für den 1. Dezember zu bestellen. „Vorgezogene Weihnachtsfeier“, hatte der Chef gemurmelt und sich an der Nase gekratzt. „Weil ich erst im Januar wieder ins Büro komme.“ Ach? Mal wieder Extratouren von der Nummer eins? Hält er sich für King Karl? In dem Fall: Nieder mit der Monarchie!

Was soll ich sagen? Natürlich brachte der bestellte Weihnachtsmann den Julklapp und natürlich habe ich gekriegt, was sonst keiner wollte. Nur gut, dass Chefchen noch am selben Abend Richtung Unbekannt abschwirrte. Ich weiß nicht, was ich ihm sonst ins Gästebuch geschrieben hätte.

Zu Hause begrüßte mich Humphrey mit seinem Liebestöter: „Schau mir in die Augen, Kleines!“, und versuchte meine Wäsche neu zu sortieren. Himmelherrgottsakra, ja, wenn einer schon Humphrey heißt, was soll man da schon groß erwarten, nicht wahr? Aber ich weiß mir zu helfen und wo es weh tut – zog ihm also schnell einmal den Massagestab aus dem Weihnachtsmannsäckel über den Schädel und hatte meine Ruhe.

Die Verpackung von meinem Julklapp zerknüllte ich und warf sie auf den Boden – aber nicht einfach nur so, sondern richtig elegant über die Schulter, wie die Russen das mit dem Vodkaglas tun. Und – he! Da landete die doch tatsächlich treffgenau in dem Stapel anderer zerknüllter Zettel, die ich in den letzten Tagen fein säuberlich rund um meinen Schreibtisch platziert hatte. Meinen vorwurfsvollen Blick konterte mein Bogey-Verschnitt mit verächtlichem Naserümpfen.

„Bin ich Dein Hausboy?“, säuselte er und verpieselte sich mit affenartiger Geschwindigkeit und Haltung in sein urgemütliches, von seinen stinkenden Socken umgebenes Einpersonenbett in der Abstellkammer.

„He“, keifte ich ihm hinterher, „wenn Du hier schon für nothing die Wohnung verunstaltest, dann räum wenigstens auf. Und mach mal die Wäsche!“

Aber genauso gut wie die geschlossene und wie immer von innen zugehaltene Tür hätte ich die Chinesische Mauer anschreien können. Da hätte vielleicht wenigstens noch einer rübergelugt und mit mir geredet.
Och, Mann, nee, das war kein Tag nach meinem Gusto. An dem hatte schon mal einer geknabbert und ihn dann als unverdaulich wieder auf den Teller geschummelt. Und wer fischt ihn dann da als nächste runter? Klar. Ich schnappte mir die Fernbedienung und sank ins Plüschsofa. Lottozahlen, Mittwochsziehung. Irgendwie erinnerten die mich an was. Stift und Papier lagen sowieso gerade da, also schrieb ich sie auf. Konnte nicht schaden, kam ja auch auf einen Zettel mehr oder weniger nicht an. Zwischendurch tappte Humphrey mal auf Zehenspitzen zum Klo rüber und linste auf dem Rückweg vorsichtig um die Ecke. Ich funkelte ihn drohend an und schwenkte meinen Stab, den ich die ganze Zeit über nicht losgelassen hatte, so dass er sich flinken Fußes wieder aus der Gefahrenzone entfernte. Allerdings nicht, ohne einen vielsagenden Blick auf meine Zettelwirtschaft zu werfen. Klar, war er ja nicht dran schuld. Schließlich schrieb ich diese bescheuerte Challenge und nicht er. Ich produzierte den Zettelmüll, nicht er. Andererseits hing er den ganzen Tag zu Hause ab, während ich die Kohle ranschaffte. Und das in einer Firma, die am 1. Dezember Weihnachten feierte. Warum also sollte ich hier auch noch Putzfee und Küchenmaid geben?

Andererseits war der Abend sowieso hin, da konnte ich auch schnell meinen Mist wegräumen. Aber nur meinen. Mit angewidertem Schnauben hockte ich mich in meinen Papierwust, schloß die Augen und griff mitten hinein. Und als erstes erwischte ich die Verpackung von diesem scheußlichen, aber doch recht nützlich gewordenen Julklapp. Und was, glauben Sie, steckte da drin? Zwischen die Zeitungen geknüllt, die den Zauberstab vor verderblichen Stößen schützen sollten?

Ich nichts wie ab in die Küche, Bügeleisen raus und glatt gemacht den Kram. Das war ja nicht zu glauben. Das passierte mir? Der arme Irre, der mich mit seinem Freudenspender in Verlegenheit gebracht hatte, musste sich ja jetzt tierisch ärgern über die Freude, die er mir gespendet hatte. Wenn er überhaupt wusste, wo sein Zettelchen geblieben war. Das jetzt meins war. Stand nämlich kein Name drauf.

Ich möchte fast sagen, dass das der schönste Tag in meinem bisherigen Leben gewesen war. Und viele schöne folgten noch, genauer: das ganze Leben nach Chef und Humphrey wurde ein einziger Freudentaumel. Zwei Tage später kannte ich die Quote, drei Tage danach habe ich mir den Klumpen rüberschieben lassen und bei Nacht und Nebel meine Sachen gepackt. Den Job ließ ich ungekündigt sausen – die würden mich bei Nichterscheinen sowieso vors Türchen stellen – und Humphrey konnte sich die Wohnung kreuzweise an den Rücken kleben.

Ich habe jetzt übrigens was besseres als Humphrey. Ich habe eine Putzfrau.

(Der Text entstand irgendwann zwischen 2002 und 2005 im Rahmen einer Challenge)

Der kleine Tritt auf der Karriereleiter

Lächelnd schob Luise ihrem Chef die Tasse mit dem duftenden Brazil neben den Stapel Bewerbungsmappen und beobachtete, wie er zufrieden schnupperte.

„Ich wollte Ihnen gerne noch meine Bewerbung für die Stelle als Abteilungsleiterin geben“, sagte sie und ihr Lächeln vertiefte sich, als ihr Chef wohlwollend nickte. „Der kleine Tritt auf der Karriereleiter“ weiterlesen

Ein ganz besonderer Job

„Würde Sie jemand vermissen?“
Sandra blinzelte und starrte den Sprecher verdutzt an. Er schob das Blatt mit dem Lebenslauf zurück und klappte ihre Bewerbungsmappe zu. Dann sah er Sandra an und zog eine Augenbraue hoch. „Verstehen Sie meine Frage nicht?“

Sandra senkte den Blick und sagte leise: „Nein.“ Sie zupfte an ihrem mausgrauen Sweatshirt und hypnotisierte ihr Knie. Als sie das leise Lachen hörte, zuckte sie zurück und zog ihre 111 Kilo auf Minimalsichtbarkeit zusammen. „Ein ganz besonderer Job“ weiterlesen

Der Friseur, der niemals sprach

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Als ich vier war, nahm meine Mutter mich zum ersten Mal mit zum Friseursalon Gruber.

„Für die Kleine einmal zusehen“, sagte sie zu der netten jungen Dame, die uns lächelnd zu unseren Plätzen führte und mir ein Kindermalbuch mit Stiften in die Hand drückte. „Der Chef kommt gleich“, sagte sie und setzte sich wieder an den Empfang. „Der Friseur, der niemals sprach“ weiterlesen

So eine

So-eine

(Photo via https://pixabay.com/de)

Schwiegermutter reißt ihr die Kelle aus der Hand und wirft sie in den Topf, dass die Suppe schwappt und auf der heißen Platte zischt. Das gebogene Ende hinterlässt einen tiefen Ratscher auf ihrer Haut, der schnell anschwillt.
„Mein Sohn ist ein Idiot“, keift Schwiegermutter wie jeden Tag in den letzten sieben – siebentausend – Jahren. „Ich habe ihm gesagt, wen er heiraten soll. Nein, er schleppt so eine an.“ „So eine“ weiterlesen

Leben. Auf Flaschen gezogen

“Jetzt lass‘ doch einfach”, sagte er, als er mit dem riesigen Rucksack auf dem Rücken vor dem Kühlschrank stand und nach Futter für seine große Reise suchte. “Ich melde mich schon. Keine Panik.”

Am liebsten hätte sie ihn geschlagen, aber sie war zu erschöpft vom Weinen und Betteln. Keine Panik. Klar, dachte sie, der Spruch musste von ihm kommen. Früher hätten wir uns einen Jux daraus gemacht und ich hätte ihm ein Handtuch geholt. Dann hätten wir zusammen über den Scherz gelacht. Verdammt noch mal, warum tut er das? „Leben. Auf Flaschen gezogen“ weiterlesen

Russisches Ballett

Russisches BallettNadja Iwanowna hackte auf die Zwiebelstückchen ein, als müsse sie gegen einen tödlichen Feind bestehen. Mit dem Handrücken wischte sie die Tränen aus den Augen und warf das Messer auf die Anrichte. „Zwiebeln“, dachte sie mürrisch. „Seit Monaten verlangt die Alte da oben Zwiebeln zum Frühstück.“
„Nadja Iwanowna!“, dröhnte die Stimme ihrer Schwiegermutter in diesem Moment durch das offene Fenster über der Küche. „Bring mein Frühstück. Dawai! Sonst wird mein Sascha heute Abend mit dir zu reden wünschen.“

Nadja Iwanowna schnaubte verächtlich. Angewidert starrte sie auf ihre Faust, aus der stinkender Zwiebelbrei quoll. Sie schlug die Hände über dem vorbereiteten Hack aus und rieb sie sorgfältig mit Zitronensaft ab. „Der Taugenichts soll bloß still sein“, murmelte sie wütend und zog ein schmutziggraues Putztuch vom Haken. Wenigstens die Waschmaschine hätte er endlich reparieren können.
Donnernde Stöße gegen die Küchendecke rissen Nadja aus ihren Überlegungen. Zornig schnappte sie ihr Küchenmesser und schleuderte es quer durch den Raum. Zufrieden beobachtete sie, wie es sich in das Wurmloch neben dem Fensterriegel bohrte und zitternd stecken blieb.

Als Nadja Iwanowna mühsam die Tür aufschob, humpelte Sonja Alexandrowna demonstrativ ins Bett zurück und dachte ganz offensichtlich nicht daran, ihrer Schwiegertochter zu helfen. Nadja stellte das Tablett unter der Lampe auf dem Nachttisch ab. Seufzend kniete sie sich auf den Boden und sammelte die verstreuten Blätter der Tageszeitung zusammen.
Sonja Alexandrowna klaubte ein Brötchen vom Teller und murmelte kauend: „Sascha ist kein guter Sohn.“
Nadja klemmte die Zeitungsteile unter den Arm und wich dem Blick ihrer Schwiegermutter aus. „Immerhin ist er mit dir nach Deutschland gekommen.“
„Das war seine Pflicht.“ Sonja Alexandrowna wischte die Finger an der Bettdecke ab. „Aber er gehorcht mir nicht mehr. Ich hatte die Heirat mit dir verboten. Du bist keine gute Frau.“
„Und wer sorgt für dich, wenn dein Sascha saufen geht?“
Der Krückstock knallte vor Nadjas Füßen auf die Dielen. „Du bist keine gute Frau“, wiederholte Sonja Alexandrowna. Sie schlug mit der flachen Hand auf eine Seite der Lokalnachrichten, die ausgebreitet auf ihrer Bettdecke lag. Sonja Alexandrowna tippte mit ihrem gichtigen Zeigefinger auf eine Anzeige, um die sie mit rotem Filzstift einen dicken Kreis gemalt hatte: Tanzorka sdjes. Darunter stand eine zweistellige Nummer. Nadja strich behutsam mit den Fingerspitzen darüber und lächelte. Bald würde sie eine Waschmaschine kaufen.
Sonja Alexandrowna spuckte Zwiebelsaft auf Nadjas Hand. „Du hast gedacht, ich schlafe. Und dann hast du da angerufen und gefragt, wann deine Anzeige endlich erscheint.“
Nadja zuckte mit den Schultern. „Ich bin nun mal Tänzerin. Zuhause, wenn ich getanzt habe, hatten wir wenigstens Geld“, setzte sie hinzu und zog die Seite mit der Anzeige zu sich herüber.
Sonja Alexandrowna lachte höhnisch. „Tanzen! Pah! Ich weiß, was du wirklich gemacht hast.“
Behutsam faltete Nadja die Zeitung zusammen und überlegte, ob Sonja Alexandrowna tatsächlich wissen konnte, womit sie ihr Geld verdient hatte. Nadja konnte sich Fehler nicht erlauben. Sie beobachtete ihre Schwiegermutter aus dem Augenwinkel und fragte ruhig: „Und was soll das gewesen sein?“
Sonja Alexandrowna schnaubte. „Rumgehurt hast du. Und jetzt fängst du wieder an.“ Sie warf das angebissene Brötchen auf das Tablett neben den Teller und pulte die Hackreste aus den Zähnen. „Ich habe meinen Sascha vor dir gewarnt. Aber er wollte ja nicht hören. Du hattest schon zu viel Geld, als er dich mitbrachte.“ Sie grinste gehässig. „Und seit wir hier sind, hast du keins mehr.“
Für eine Hure hielt die Alte sie also. Nadja unterdrückte mühsam ein Lachen. „Wem hast du davon erzählt?“, fragte sie beiläufig.
„Niemand.“ Sonja Alexandrowna zupfte ihre Bettjacke zurecht. „Du weißt, dass ich seit Jahren nicht mehr vor die Tür gehe. Und mich besucht ja auch keiner“, fügte sie wehleidig hinzu. „Mir ist langweilig.“
„Dann sei froh, wenn ich wieder arbeite. Ich kaufe dir einen Fernseher.“ Wenn du aufhörst, hier herumzusauen, dachte sie bei sich und starrte angewidert auf die Hackfleischkrümel und Zwiebelstückchen, die ihre Schwiegermutter achtlos auf den Boden und die Decke hatte fallen lassen. „Waschen kann ich auch nicht mehr. Alles hier stinkt.“
Die Alte musterte ihre Schwiegertochter und verzog den Mund. „Ich behalte dich im Auge.“

Sonja Alexandrowna hielt ihr Versprechen. Sie beobachtete jeden Schritt ihrer Schwiegertochter und beklagte den viel zu kleinen Fernseher und die ständige Abwesenheit von Sohn und Schwiegertochter. Wenigstens ihr Sascha könnte doch einen Abend in der Woche mit seiner alten Mutter verbringen, wo es doch fast jeden Tag in der Zeitung stand, dass in den Übersiedlerfamilien die Leute wie die Fliegen dahinstarben. Einmal würde sie auch sterben, und dann würden schon alle sehen, was sie davon hatten, wenn sich keiner um sie kümmerte. Sascha wiederum erklärte, Nadja Iwanowna hätte für seine Mutter zu sorgen, und überhaupt verdiene seine Frau viel mehr, als sie der Familie zukommen lasse. Immerhin sei sie die ganze Woche unterwegs und habe jedes Wochenende Engagements im Ausland. Damit könne sie ihm doch sicher auch mal den einen oder anderen Kneipenbesuch finanzieren. Nadja erledigte lächelnd ihre Aufträge, brachte die größeren Anteile an ihrem Einkommen in die Schweiz und wunderte sich ansonsten über gar nichts.

Der Brief, den sie ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag aus dem Versteck holte, überraschte sie dann aber doch. Sie betrachtete verblüfft die krakelige Schrift auf dem hellgrauen Umschlag und öffnete ihn vorsichtig. Auf der Rückseite einer alten Rechnung standen in denselben schiefen, unbeholfenen Buchstaben ein Name und eine Adresse. Der Schlüssel für ein Schließfach im Bahnhof war mit Klebefilm am unteren Rand der Botschaft befestigt. Kopfschüttelnd las Nadja Namen und Adresse. Sie murmelte: „Meinetwegen…“, ließ den Schlüssel in die Handtasche fallen und vernichtete den Brief wie alle früheren Aufträge auch. Dann radelte sie nach Hause und drückte der schlafenden Sonja Alexandrowna ein Kissen auf das Gesicht. Anschließend stellte sie den Fernseher an und beugte sich ein letztes Mal zu ihrer Schwiegermutter hinunter. „Meine Idee war das nicht“, flüsterte sie der Toten ins Ohr. „Aber dieser Auftrag befriedigt mich doch sehr.“ Sie trug das Tablett in die Küche hinunter und setzte einen Topf für die Kartoffeln auf den Herd. Das tiefgefrorene Fleisch legte sie in die Spüle und stellte das Gemüse zum Putzen daneben. Sascha würde wie immer zum Essen kommen, aber Nadja Iwanowna hatte nicht die Absicht so zu tun, als fände sie bei seiner Rückkehr die Leiche ihrer Schwiegermutter. Den Part konnte er selbst übernehmen. Sie nahm den Gemüsehobel aus der Schublade und legte ihn neben einem zerknüllten Küchenhandtuch auf die Anrichte. Nachdenklich musterte sie das Arrangement und nickte zufrieden. Er würde nichts merken. Ihre Handtasche stand griffbereit auf dem Stuhl neben der Tür, und Nadja Iwanowna musste nur noch das Haus verlassen, ohne Verdacht zu erregen.

An der offenen Haustür winkte sie freundlich zum Fenster ihrer Nachbarin hinüber und lächelte amüsiert, als die Gardine sich heftig bewegte. Nadja Iwanowna drehte sich um und rief: „Ich habe etwas vergessen. Sag Sascha, er soll mit den Kartoffeln anfangen. Bis das Fleisch aufgetaut ist, bin ich wieder zurück.“ Schwungvoll schloss sie die Tür und marschierte fröhlich summend zum Bahnhof hinunter.

Sascha hockte hinter einer Flasche Vodka am Küchentisch, als Nadja Iwanowna mit dem verdienten Geld in der Tasche wieder ins Haus kam. Er hatte den alten Schrankkoffer, den Sonja Alexandrowna nach der Übersiedlung in einer Nische neben ihrem Bett hatte abstellen lassen und den sie nicht aus den Augen gelassen hatte, heruntergeschleppt und nahm nun ein Bündel Geldscheine aus einem der Fächer, das er flüchtig zählte und auf einen der Stapel legte, die er rund um seine Flasche gebaut hatte. Dann sah er Nadja Iwanowna an und rülpste. „Brauchst deine Beine nicht mehr breitzumachen, mein Täubchen. Das hier gehört jetzt alles uns.“ Er setzte die Flasche an und schluckte gierig. „Ist eine stattliche Summe. Alles große Scheine“, sagte er auf Nadjas fragenden Blick. „Das musste ich für sie tauschen, als wir hergekommen sind, aber ich sollte es nicht auf die Bank bringen. Sie hat den Banken nicht getraut.“ Er stand schwerfällig auf und nahm eine neue Flasche aus dem Schrank unter der Spüle. „Nichts hat sie mir gegeben“, murmelte er so leise, dass Nadja Iwanowna es kaum verstehen konnte. „Nichts.“ Er fluchte und jammerte leise auf russisch vor sich hin und kicherte dann. „Weißt du, was ich gemacht habe?“ Er nahm Nadjas Kinn zwischen die Finger und drückte ihren Kopf hoch. „Dem Tanzorka habe ich geschrieben, Täubchen, dem Tanzorka! Weißt du, was der macht? Der nimmt Aufträge an von Leuten, die Geld haben und bestimmte andere Leute nicht mögen. Und dann – hopps!“ Sascha ließ Nadja los und hielt sich an der Spüle fest. „Der Killer mit dem Frauennamen! Hast du von dem gehört? Damals, zu Hause?“

Nadja Iwanowna lächelte und setzte sich an den Küchentisch. „Ja, Sascha. Ich weiß, was Tanzorka macht.“ Sie nahm den Einkaufszettel vom Vortag und einen Kugelschreiber aus der Handtasche. „Hast du keine Angst, wenn du so offen über sie redest?“ Sie beobachtete belustigt, dass Sascha zusammenzuckte. Aber er schüttelte den Kopf. „Tanzorka tötet nicht ohne Auftrag. Wer sollte mir denn was wollen?“
Nadja Iwanowna blinzelte ihren Mann von unten her an. „Vielleicht redest du zu viel?“ Dann lachte sie und schob den Zettel, den sie sauber beschriftet hatte, zu Sascha hinüber. „Oder vielleicht habe ich dich satt?“
Sascha griff nach ihrer Hand und zog Nadja Iwanowna zu sich hoch. „Hast du nicht“, sagte er und drückte sie gegen den Herd. Mit der freien Hand kniff er ihr in den Busen.
„Was ist, Täubchen? Gefällt dir das plötzlich, weil ich jetzt genug Geld habe?“
Nadja Iwanowna sah ihrem Mann tief in die Augen. „Erinnerst du dich? Als ich mich bei Sonja Alexandrowna als deine Verlobte vorgestellt habe?“ Sie streichelte über Saschas Brust und stellte erfreut fest, dass bei ihrem Mann auch im Zustand höchster Trunkenheit noch alles wie gewünscht funktionierte. „Wir haben es im Keller zwischen den Kartoffeln getrieben, während sie in der Küche das Gemüse putzte. Heute müssten wir nicht mal leise sein.“ Vorsichtig schob sie ihren Mann von sich weg und ging zur Kellertür. „Komm“, lockte sie.
Sascha grinste und griff nach der ungeöffneten Flasche. Gleichzeitig nahm er Nadjas Zettel auf und hielt ihn seiner Frau unter die Nase. „Ein Liebesbrief von meinem Täubchen?“, fragte er. „Was steht drin? Hmm? Komm, sag es mir. Mach mich heiß.“
Nadja überlegte und kam zu dem Schluss, dass es ihr nicht schaden würde. „Hör genau zu“, sagte sie. „Da steht: ‚An Tanzorka. Bitte töte meinen Mann. Du kennst ihn ja. Danke. Deine Tanzorka‘.“ Gelassen streckte sie die Hand aus. „Gibst du mir den Zettel jetzt bitte zurück? Ich vernichte meine Aufträge, sobald ich sie kenne. Damit alles seine Ordnung hat für den Auftraggeber.“ Sie lächelte ihren Mann an, der abwechselnd auf den Zettel und in ihr Gesicht starrte. „Du musst dir keine Sorgen machen. Deinen Auftrag wegen Sonja Alexandrowna habe ich auch vernichtet.“ Behutsam zog sie ihm das Papier aus der Hand und zerriss es in kleine Schnippsel, die sie in ihre Hosentasche schob.
Sascha stammelte: „Damit kommst du nicht durch.“
„Warum nicht?“ Nadja Iwanowna tastete geschickt Saschas Taschen ab und stellte zufrieden fest, dass sie leer waren. „Sonja Alexandrowna ist im Schlaf gestorben, als wir beide nicht zu Hause waren. Du hast sie gefunden und deinen großen Kummer darüber deinen Vodkaflaschen anvertraut. Dann bist du die Kellertreppe heruntergefallen. Die nötige Promillezahl dafür hast du ja.“
„Aber du kannst doch nicht … Ich bin dein Mann!“
Tanzorka zuckte gleichgültig mit den Schultern und stieß ihn die Treppe hinunter.

Das Haus auf dem Hügel (ca. 1995)

Das Haus auf dem Hügel„Seit mehr als dreißig Jahren verfolgt mich der Schrecken jener Nacht. Meine Träume zeigen mir immer wieder das Gesicht des alten Mannes, dessen richtigen Namen ich nie erfuhr.

Die Gegend, in der das Haus stand, habe ich nie wieder besucht, und trotzdem werde ich die Gespenster der Vergangenheit nicht los. Vielleicht lag es an dem Zweifel, der mich quälte und der jetzt seine furchtbare Bestätigung fand.“ „Das Haus auf dem Hügel (ca. 1995)“ weiterlesen

Interview mit der Raritätenfängerin

Also … nein. Nein! Ich habe keine Zeit für Sie. Verdammt noch mal! Was fällt Ihnen … Sie sehen doch, dass ich packe. Ob ich einen neuen Auftrag…? Genau, richtig! Darum die Koffer. Sicher, meine Unterlagen packe ich auch ein. Warum? Warum wollen Sie das wissen? Ach so, Ihre Leser. Für wen schreiben Sie noch mal?

Kenne ich nicht. Ach so. Ein neues Magazin für Sammler? Na gut. In Ordnung. Aber nur nebenbei. Ich muss meinen Flieger kriegen. Und keine Fotos, klar? „Interview mit der Raritätenfängerin“ weiterlesen