Archiv der Kategorie: Kriminalgeschichten

Steintod

 

Bernd Walter (Hrsg)
Geister, Aliens, Detektive: fantastische Kriminalgeschichten (XUN Ebook-Edition 23)
Kindle Edition: € 2,45

Geister, Aliens, Detektive
Dass das eine durchaus etwas mit dem anderen zu tun haben kann, beweisen die Geschichten in dieser außergewöhnlichen Anthologie auf das Eindrucksvollste!
Dienstbeflissenheit bis über den Tod hinaus, rätselhafte Mumien, die tödliches Eigenleben entwickeln, unheimliche Relikte aus anderen Kulturen – das sind nur ein paar Beispiele aus den zehn spannenden Geschichten, die neun Autorinnen und Autoren zu dieser fantastischen Anthologie beigesteuert haben.

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Als mein Weg endlich den des berüchtigten Richard Braunschweig kreuzte, war er längst nicht mehr der Jüngste und ziemlich tot. Viel wusste ich nicht über ihn, eben das, was sowieso jeder wusste und was meine Klientin mir sagte. Er war fünfzig, Vater von zwei aus seiner Sicht erfolglosen Söhnen und Inhaber der Agentur Braunschweig. Offiziell handelte es sich dabei um ein Institut zur Eheanbahnung, aber inoffiziell … Nun, Gerüchten aus der Unterwelt zufolge fand man dort alle möglichen Partner für alle nur denkbaren Geschäfte und er verdiente wohl auch ganz gut daran, immerhin lag sein Haus in einem der reicheren Viertel, und er war ein oft, wenn auch nicht überall gern, gesehener Gast auf den Partys der High Society. Außerdem hatte er in seiner Jugend reich geheiratet, was ihn aber (natürlich auch nur Gerüchten zufolge) nicht daran hinderte, sich mit zahlreichen anderen Damen und Herren zu vergnügen. Ich überlegte gerade, wie ich meiner Klientin helfen konnte, als Steiners Anruf mich zum Tatort rief. …

Der seltsame Fall des Special Agent Arnold Sumowsky

in: Das dunkle Mal, Hrs. Burkhard P. Bierschenk, Seiten 165-168,
Bookspot Verlag 2004, ISBN 3-937357-01-7
(out of print)

„Es begann, als ich auf der Bananenschale ausrutschte. Eigentlich war es keine Bananenschale, denn als ich genauer hinsah – “ Dem Mann, der neben mir am Tresen in sein leeres Whiskyglas starrte, versagte die Stimme. Er räusperte sich und versuchte, mit seinen zitternden Händen die Augen zu wischen. Der Mann brauchte eindeutig mehr Stoff, und auf mein Nicken füllte der Barkeeper das Glas. Der seltsame Fall des Special Agent Arnold Sumowsky weiterlesen

Russisches Ballett

Russisches BallettNadja Iwanowna hackte auf die Zwiebelstückchen ein, als müsse sie gegen einen tödlichen Feind bestehen. Mit dem Handrücken wischte sie die Tränen aus den Augen und warf das Messer auf die Anrichte. „Zwiebeln“, dachte sie mürrisch. „Seit Monaten verlangt die Alte da oben Zwiebeln zum Frühstück.“
„Nadja Iwanowna!“, dröhnte die Stimme ihrer Schwiegermutter in diesem Moment durch das offene Fenster über der Küche. „Bring mein Frühstück. Dawai! Sonst wird mein Sascha heute Abend mit dir zu reden wünschen.“

Nadja Iwanowna schnaubte verächtlich. Angewidert starrte sie auf ihre Faust, aus der stinkender Zwiebelbrei quoll. Sie schlug die Hände über dem vorbereiteten Hack aus und rieb sie sorgfältig mit Zitronensaft ab. „Der Taugenichts soll bloß still sein“, murmelte sie wütend und zog ein schmutziggraues Putztuch vom Haken. Wenigstens die Waschmaschine hätte er endlich reparieren können.
Donnernde Stöße gegen die Küchendecke rissen Nadja aus ihren Überlegungen. Zornig schnappte sie ihr Küchenmesser und schleuderte es quer durch den Raum. Zufrieden beobachtete sie, wie es sich in das Wurmloch neben dem Fensterriegel bohrte und zitternd stecken blieb.

Als Nadja Iwanowna mühsam die Tür aufschob, humpelte Sonja Alexandrowna demonstrativ ins Bett zurück und dachte ganz offensichtlich nicht daran, ihrer Schwiegertochter zu helfen. Nadja stellte das Tablett unter der Lampe auf dem Nachttisch ab. Seufzend kniete sie sich auf den Boden und sammelte die verstreuten Blätter der Tageszeitung zusammen.
Sonja Alexandrowna klaubte ein Brötchen vom Teller und murmelte kauend: „Sascha ist kein guter Sohn.“
Nadja klemmte die Zeitungsteile unter den Arm und wich dem Blick ihrer Schwiegermutter aus. „Immerhin ist er mit dir nach Deutschland gekommen.“
„Das war seine Pflicht.“ Sonja Alexandrowna wischte die Finger an der Bettdecke ab. „Aber er gehorcht mir nicht mehr. Ich hatte die Heirat mit dir verboten. Du bist keine gute Frau.“
„Und wer sorgt für dich, wenn dein Sascha saufen geht?“
Der Krückstock knallte vor Nadjas Füßen auf die Dielen. „Du bist keine gute Frau“, wiederholte Sonja Alexandrowna. Sie schlug mit der flachen Hand auf eine Seite der Lokalnachrichten, die ausgebreitet auf ihrer Bettdecke lag. Sonja Alexandrowna tippte mit ihrem gichtigen Zeigefinger auf eine Anzeige, um die sie mit rotem Filzstift einen dicken Kreis gemalt hatte: Tanzorka sdjes. Darunter stand eine zweistellige Nummer. Nadja strich behutsam mit den Fingerspitzen darüber und lächelte. Bald würde sie eine Waschmaschine kaufen.
Sonja Alexandrowna spuckte Zwiebelsaft auf Nadjas Hand. „Du hast gedacht, ich schlafe. Und dann hast du da angerufen und gefragt, wann deine Anzeige endlich erscheint.“
Nadja zuckte mit den Schultern. „Ich bin nun mal Tänzerin. Zuhause, wenn ich getanzt habe, hatten wir wenigstens Geld“, setzte sie hinzu und zog die Seite mit der Anzeige zu sich herüber.
Sonja Alexandrowna lachte höhnisch. „Tanzen! Pah! Ich weiß, was du wirklich gemacht hast.“
Behutsam faltete Nadja die Zeitung zusammen und überlegte, ob Sonja Alexandrowna tatsächlich wissen konnte, womit sie ihr Geld verdient hatte. Nadja konnte sich Fehler nicht erlauben. Sie beobachtete ihre Schwiegermutter aus dem Augenwinkel und fragte ruhig: „Und was soll das gewesen sein?“
Sonja Alexandrowna schnaubte. „Rumgehurt hast du. Und jetzt fängst du wieder an.“ Sie warf das angebissene Brötchen auf das Tablett neben den Teller und pulte die Hackreste aus den Zähnen. „Ich habe meinen Sascha vor dir gewarnt. Aber er wollte ja nicht hören. Du hattest schon zu viel Geld, als er dich mitbrachte.“ Sie grinste gehässig. „Und seit wir hier sind, hast du keins mehr.“
Für eine Hure hielt die Alte sie also. Nadja unterdrückte mühsam ein Lachen. „Wem hast du davon erzählt?“, fragte sie beiläufig.
„Niemand.“ Sonja Alexandrowna zupfte ihre Bettjacke zurecht. „Du weißt, dass ich seit Jahren nicht mehr vor die Tür gehe. Und mich besucht ja auch keiner“, fügte sie wehleidig hinzu. „Mir ist langweilig.“
„Dann sei froh, wenn ich wieder arbeite. Ich kaufe dir einen Fernseher.“ Wenn du aufhörst, hier herumzusauen, dachte sie bei sich und starrte angewidert auf die Hackfleischkrümel und Zwiebelstückchen, die ihre Schwiegermutter achtlos auf den Boden und die Decke hatte fallen lassen. „Waschen kann ich auch nicht mehr. Alles hier stinkt.“
Die Alte musterte ihre Schwiegertochter und verzog den Mund. „Ich behalte dich im Auge.“

Sonja Alexandrowna hielt ihr Versprechen. Sie beobachtete jeden Schritt ihrer Schwiegertochter und beklagte den viel zu kleinen Fernseher und die ständige Abwesenheit von Sohn und Schwiegertochter. Wenigstens ihr Sascha könnte doch einen Abend in der Woche mit seiner alten Mutter verbringen, wo es doch fast jeden Tag in der Zeitung stand, dass in den Übersiedlerfamilien die Leute wie die Fliegen dahinstarben. Einmal würde sie auch sterben, und dann würden schon alle sehen, was sie davon hatten, wenn sich keiner um sie kümmerte. Sascha wiederum erklärte, Nadja Iwanowna hätte für seine Mutter zu sorgen, und überhaupt verdiene seine Frau viel mehr, als sie der Familie zukommen lasse. Immerhin sei sie die ganze Woche unterwegs und habe jedes Wochenende Engagements im Ausland. Damit könne sie ihm doch sicher auch mal den einen oder anderen Kneipenbesuch finanzieren. Nadja erledigte lächelnd ihre Aufträge, brachte die größeren Anteile an ihrem Einkommen in die Schweiz und wunderte sich ansonsten über gar nichts.

Der Brief, den sie ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag aus dem Versteck holte, überraschte sie dann aber doch. Sie betrachtete verblüfft die krakelige Schrift auf dem hellgrauen Umschlag und öffnete ihn vorsichtig. Auf der Rückseite einer alten Rechnung standen in denselben schiefen, unbeholfenen Buchstaben ein Name und eine Adresse. Der Schlüssel für ein Schließfach im Bahnhof war mit Klebefilm am unteren Rand der Botschaft befestigt. Kopfschüttelnd las Nadja Namen und Adresse. Sie murmelte: „Meinetwegen…“, ließ den Schlüssel in die Handtasche fallen und vernichtete den Brief wie alle früheren Aufträge auch. Dann radelte sie nach Hause und drückte der schlafenden Sonja Alexandrowna ein Kissen auf das Gesicht. Anschließend stellte sie den Fernseher an und beugte sich ein letztes Mal zu ihrer Schwiegermutter hinunter. „Meine Idee war das nicht“, flüsterte sie der Toten ins Ohr. „Aber dieser Auftrag befriedigt mich doch sehr.“ Sie trug das Tablett in die Küche hinunter und setzte einen Topf für die Kartoffeln auf den Herd. Das tiefgefrorene Fleisch legte sie in die Spüle und stellte das Gemüse zum Putzen daneben. Sascha würde wie immer zum Essen kommen, aber Nadja Iwanowna hatte nicht die Absicht so zu tun, als fände sie bei seiner Rückkehr die Leiche ihrer Schwiegermutter. Den Part konnte er selbst übernehmen. Sie nahm den Gemüsehobel aus der Schublade und legte ihn neben einem zerknüllten Küchenhandtuch auf die Anrichte. Nachdenklich musterte sie das Arrangement und nickte zufrieden. Er würde nichts merken. Ihre Handtasche stand griffbereit auf dem Stuhl neben der Tür, und Nadja Iwanowna musste nur noch das Haus verlassen, ohne Verdacht zu erregen.

An der offenen Haustür winkte sie freundlich zum Fenster ihrer Nachbarin hinüber und lächelte amüsiert, als die Gardine sich heftig bewegte. Nadja Iwanowna drehte sich um und rief: „Ich habe etwas vergessen. Sag Sascha, er soll mit den Kartoffeln anfangen. Bis das Fleisch aufgetaut ist, bin ich wieder zurück.“ Schwungvoll schloss sie die Tür und marschierte fröhlich summend zum Bahnhof hinunter.

Sascha hockte hinter einer Flasche Vodka am Küchentisch, als Nadja Iwanowna mit dem verdienten Geld in der Tasche wieder ins Haus kam. Er hatte den alten Schrankkoffer, den Sonja Alexandrowna nach der Übersiedlung in einer Nische neben ihrem Bett hatte abstellen lassen und den sie nicht aus den Augen gelassen hatte, heruntergeschleppt und nahm nun ein Bündel Geldscheine aus einem der Fächer, das er flüchtig zählte und auf einen der Stapel legte, die er rund um seine Flasche gebaut hatte. Dann sah er Nadja Iwanowna an und rülpste. „Brauchst deine Beine nicht mehr breitzumachen, mein Täubchen. Das hier gehört jetzt alles uns.“ Er setzte die Flasche an und schluckte gierig. „Ist eine stattliche Summe. Alles große Scheine“, sagte er auf Nadjas fragenden Blick. „Das musste ich für sie tauschen, als wir hergekommen sind, aber ich sollte es nicht auf die Bank bringen. Sie hat den Banken nicht getraut.“ Er stand schwerfällig auf und nahm eine neue Flasche aus dem Schrank unter der Spüle. „Nichts hat sie mir gegeben“, murmelte er so leise, dass Nadja Iwanowna es kaum verstehen konnte. „Nichts.“ Er fluchte und jammerte leise auf russisch vor sich hin und kicherte dann. „Weißt du, was ich gemacht habe?“ Er nahm Nadjas Kinn zwischen die Finger und drückte ihren Kopf hoch. „Dem Tanzorka habe ich geschrieben, Täubchen, dem Tanzorka! Weißt du, was der macht? Der nimmt Aufträge an von Leuten, die Geld haben und bestimmte andere Leute nicht mögen. Und dann – hopps!“ Sascha ließ Nadja los und hielt sich an der Spüle fest. „Der Killer mit dem Frauennamen! Hast du von dem gehört? Damals, zu Hause?“

Nadja Iwanowna lächelte und setzte sich an den Küchentisch. „Ja, Sascha. Ich weiß, was Tanzorka macht.“ Sie nahm den Einkaufszettel vom Vortag und einen Kugelschreiber aus der Handtasche. „Hast du keine Angst, wenn du so offen über sie redest?“ Sie beobachtete belustigt, dass Sascha zusammenzuckte. Aber er schüttelte den Kopf. „Tanzorka tötet nicht ohne Auftrag. Wer sollte mir denn was wollen?“
Nadja Iwanowna blinzelte ihren Mann von unten her an. „Vielleicht redest du zu viel?“ Dann lachte sie und schob den Zettel, den sie sauber beschriftet hatte, zu Sascha hinüber. „Oder vielleicht habe ich dich satt?“
Sascha griff nach ihrer Hand und zog Nadja Iwanowna zu sich hoch. „Hast du nicht“, sagte er und drückte sie gegen den Herd. Mit der freien Hand kniff er ihr in den Busen.
„Was ist, Täubchen? Gefällt dir das plötzlich, weil ich jetzt genug Geld habe?“
Nadja Iwanowna sah ihrem Mann tief in die Augen. „Erinnerst du dich? Als ich mich bei Sonja Alexandrowna als deine Verlobte vorgestellt habe?“ Sie streichelte über Saschas Brust und stellte erfreut fest, dass bei ihrem Mann auch im Zustand höchster Trunkenheit noch alles wie gewünscht funktionierte. „Wir haben es im Keller zwischen den Kartoffeln getrieben, während sie in der Küche das Gemüse putzte. Heute müssten wir nicht mal leise sein.“ Vorsichtig schob sie ihren Mann von sich weg und ging zur Kellertür. „Komm“, lockte sie.
Sascha grinste und griff nach der ungeöffneten Flasche. Gleichzeitig nahm er Nadjas Zettel auf und hielt ihn seiner Frau unter die Nase. „Ein Liebesbrief von meinem Täubchen?“, fragte er. „Was steht drin? Hmm? Komm, sag es mir. Mach mich heiß.“
Nadja überlegte und kam zu dem Schluss, dass es ihr nicht schaden würde. „Hör genau zu“, sagte sie. „Da steht: ‚An Tanzorka. Bitte töte meinen Mann. Du kennst ihn ja. Danke. Deine Tanzorka‘.“ Gelassen streckte sie die Hand aus. „Gibst du mir den Zettel jetzt bitte zurück? Ich vernichte meine Aufträge, sobald ich sie kenne. Damit alles seine Ordnung hat für den Auftraggeber.“ Sie lächelte ihren Mann an, der abwechselnd auf den Zettel und in ihr Gesicht starrte. „Du musst dir keine Sorgen machen. Deinen Auftrag wegen Sonja Alexandrowna habe ich auch vernichtet.“ Behutsam zog sie ihm das Papier aus der Hand und zerriss es in kleine Schnippsel, die sie in ihre Hosentasche schob.
Sascha stammelte: „Damit kommst du nicht durch.“
„Warum nicht?“ Nadja Iwanowna tastete geschickt Saschas Taschen ab und stellte zufrieden fest, dass sie leer waren. „Sonja Alexandrowna ist im Schlaf gestorben, als wir beide nicht zu Hause waren. Du hast sie gefunden und deinen großen Kummer darüber deinen Vodkaflaschen anvertraut. Dann bist du die Kellertreppe heruntergefallen. Die nötige Promillezahl dafür hast du ja.“
„Aber du kannst doch nicht … Ich bin dein Mann!“
Tanzorka zuckte gleichgültig mit den Schultern und stieß ihn die Treppe hinunter.

Das Haus auf dem Hügel (ca. 1995)

Das Haus auf dem Hügel„Seit mehr als dreißig Jahren verfolgt mich der Schrecken jener Nacht. Meine Träume zeigen mir immer wieder das Gesicht des alten Mannes, dessen richtigen Namen ich nie erfuhr.

Die Gegend, in der das Haus stand, habe ich nie wieder besucht, und trotzdem werde ich die Gespenster der Vergangenheit nicht los. Vielleicht lag es an dem Zweifel, der mich quälte und der jetzt seine furchtbare Bestätigung fand.“ Das Haus auf dem Hügel (ca. 1995) weiterlesen